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Originalartikel: Hamberger, J. (2003): Nachhaltigkeit - eine Idee aus dem Mittelalter? LWF aktuell 37, S. 38-41.
Autor(en): Joachim Hamberger
Online-Version: Stand: 27.11.2015
Redaktion: LWF, D

Nachhaltigkeit – eine Idee aus dem Mittelalter?

Noch bevor es ein Wort dafür gab wurde sie bereits praktiziert

Wenn man die Bedeutung des Waldes als Energie- und Rohstoffquelle in der Vergangenheit adäquat würdigen will, kann man nicht umhin Vergleiche mit heutigen Wirtschaftszweigen anzustellen. Gas-, Strom-, Ölindustrie stellen heute die Energien zur Verfügung, die früher allein der Wald lieferte. Baustoffe, die heute aus Stein, Ziegel, Metall oder Kunststoff gefertigt sind, waren früher ausschließlich aus Holz. Man denke nur an den Fachwerkbau. Schon das Wort Wand macht klar, welche Bedeutung Holz seit der Steinzeit im Hochbau hatte: es geht auf "winden" zurück, was zum Ausdruck bringt, dass Wände früher aus Weidenruten geflochten und diese anschließend mit Lehm verschmiert wurden.

Der Wald, der heute multifunktional ist, hatte im Bewusstsein der damaligen Menschen eine reine Wirtschaftsfunktion.

Der Begriff Nachhaltigkeit taucht erst in der Neuzeit auf, im forstlichen Sinne wird er erst im Barock, oder wenn man es geistesgeschichtlich einordnet, in der Aufklärung verwendet. Aber das gilt nur für das Wort an sich. Nachhaltiges Handeln und das Bewusstsein um das Prinzip der Nachhaltigkeit sind jedoch schon viel älter. Bereits in der Bibel sind solche Prinzipien genannt. Bei uns reichen sie, in Weistümern fassbar, weit ins Mittelalter zurück. Auch wenn dieses Handeln damals noch nicht mit einem eigenen Wort umschrieben wurde.

Man merkte schon in der damaligen Agrargesellschaft, dass auch das kräftigste Wachstum seine Grenzen in den beschränkt vorhandenen Ressourcen hat. Dies führte zu Regelungen, die zum Ziel hatten, im Wald das Holz dauerhaft und gleichmäßig zu produzieren, damit jährliche Nutzungen möglich waren. Die mittelalterlichen Stadtgemeinschaften und auf dem Land die Markgenossenschaften mussten mit zunehmender Bevölkerungsexpansion die Nutzung am und im Wald regeln und zwar so, dass jeder Markgenosse auf dem Land und jeder Gewerbetreibende in der Stadt zu seinem Recht bzw. seinem speziellen Waldrohstoff kam. Eine Fülle von Spezialanforderungen war zu befriedigen. Der Wald war die entscheidende Ressource der Gesellschaft, Holz war zentraler Bau- und Energiestoff der ganzen Epoche. So hat die Nachhaltigkeit einen genossenschaftlichen und einen industriellen Entstehungszweig.

Bevölkerungsentwicklung Deutschlands
Abb. 1: Die Bevölkerung Deutschlands nahm kontinuierlich zu und damit auch die Ansprüche an den Wald.

Markgenossenschaftliche Wurzeln

Die mittelalterlichen Dorfgemeinschaften lebten und arbeiteten viel enger zusammen als dies heute vorstellbar ist. Neben einer relativ kleinen Fläche, die zur privaten Nutzung gedacht war, gab es große Flächen, die im Gemeinbesitz standen, die sogenannte Allmende. Dabei handelte es sich v.a. um Weide- und Waldflächen. Mit dem gewaltigen Bevölkerungsanstieg im Hochmittelalter (Abb. 1) mussten zum einen Waldflächen gerodet werden, um Ackerfläche für die Ernährung zu schaffen, zum anderen musste aus dem kleiner gewordenen Wald aber auch der gewachsene Bedarf an Bauholz und Brennholz für die größer gewordene Gemeinschaft gedeckt werden. Um eine geregelte Versorgung sicherzustellen, entstanden so zunächst im Wald Flächen gleicher Größe, die in einem bestimmten, periodisch wiederkehrenden Rhythmus geerntet wurden. Bei vielen Laubholzarten schlägt aus den Stöcken neuer Wald aus, der wegen des vorhandenen Stockwurzelwerkes besonders schnell und kräftig heranwächst. Auf diese Art und Weise war durch den Stockausschlag, die strikte Flächeneinteilung und die periodische Wiederkehr des Einschlags die Niederwaldwirtschaft geboren. Sie lieferte jährlich gleiche Flächen und damit annähernd auch gleiche Holzerträge. Erste, unsichere Schrifttumshinweise auf Niederwald gibt es aus dem 8. Jahrhundert in den bayerischen Volksrechten. Sicher nachweisbar ist er in Urkunden aus dem Aachener, Speyerer und Erfurter Raum, die aus dem 13. Jahrhundert stammen.

Lässt man nach dem Brennholzhieb einige der Stockausschläge eine oder gar mehrere dieser Perioden stehen, wachsen Stämme heran, deren Dimension für Bauholz tauglich ist. Der Umtrieb dieses Oberholzes beträgt also stets ein vielfaches der Niederwaldkomponente und liegt zwischen 20 und 40 Jahren. Diese Wirtschaftsform bezeichnet man als Mittelwald. Auch sie kann in den Urkunden bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgt werden.

Nieder- und Mittelwaldwirtschaft sind die erste Kunstform menschlichen Wirkens im Wald und damit die "Dinosaurier" nachhaltiger Waldbewirtschaftung. Heute sind sie nur noch an wenigen Orten anzutreffen und wegen der Stockausschlagfähigkeit an bestimmte Laubbäume gebunden. Mit den wirtschaftlich wichtigen Nadelbäumen musste anders verfahren werden.

Vorindustrielle Wurzeln

Der Nürnberger Patrizier Peter Stromer
Abb. 2: Der Nürnberger Patrizier Peter Stromer "erfand" die Nadelholzsaat.

In Städten, v. a. in großen Handelszentren, wurden mengenmäßig noch viel mehr Ansprüche an den Wald als Energie- und Rohstofflieferant gestellt. Vor allem die metallverarbeitenden Gewerbe verschlangen Unmengen von Holzkohle. Deshalb waren Städte in ihrem Wirtschaftswachstum stark abhängig von der Holzversorgung aus dem nahen Umland.

In Nürnberg war der Wald wegen der vielfältigen vorindustriellen Gewerbe in der boomenden Stadt besonders belastet. Der Ratsherr und Montanunternehmer Peter Stromer (Abb. 2) hatte im Jahre 1368 die zündende Idee: erstmals säte ein Mensch auf unbestockten Kahlflächen bewusst Kiefernsamen aus, um Holz nachzuziehen. Diese nur scheinbar belanglose Leistung ist unter zwei Aspekten zu würdigen: einem technisch-biologischen und einem planerisch-nachhaltigen. Technisch setzte es eine sehr genaue Naturbeobachtung voraus, weil die Kiefernsamen zwei Jahre zur Reife benötigen und bereits am Baum aus den Zapfen fallen, wenn diese reif sind und der Erntezeitpunkt verpasst wird. Außerdem müssen die Samen über den Winter so gelagert werden, dass sie weder verschimmeln noch vertrocknen.

Planerisch war die Tat eine Leistung, weil Peter Stromer über seinen eigenen Zeithorizont weit hinausdachte und auch eine künftige Versorgung seiner Vaterstadt und seines eigenen Unternehmens mit Holz anstrebte und gewährleistet wissen wollte.

Die Saat von Nadelholz etablierte sich schnell. Die Nürnberger Tannensäer wurden in der Zukunft ein florierender Industriezweig der alten Reichsstadt Nürnberg, der nicht nur die eigenen Wälder wiederbestockte, sondern auch zum Exportschlager wurde und in ganz Europa Betätigung fand.

Auch in Reichenhall ist es die Industrie gewesen, die begann, die Wälder nachhaltig zu bewirtschaften. Für ihre Sudpfannen war die Saline auf gleichmäßige Lieferung großer Mengen Nadelholz angewiesen. Es galt der Spruch "ohne Holz kein Sud". Holz war notwendig für das Schmelzen und Eindampfen der Sole, aber auch für die technischen Geräte wie hölzerne Soleleitungen oder die auf der Salzach eingesetzten Salzschiffe. Schon zu Anfang des 17. Jahrhunderts wurden deshalb im Salinengebiet Vorratsschätzungen und Einschlagsplanungen vorgenommen.

Entwicklung von Gewerbe und Landwirtschaft
Abb. 3: Die Entwicklung von Gewerbe und Landwirtschaft war viele Jahrhunderte mit der Ressource Wald aufs engste Verknüpft. Erst um 1800 fand eine Entkoppelung statt.

Koppelung von Gewerbe, Forstwirtschaft und Industrie

Bis etwa zum Jahr 1800 waren Wirtschaftswachstum, Landwirtschaft und Forstwirtschaft aufs engste miteinander verbunden, ja man kann sagen ihre Entwicklung war aneinander gekoppelt (Abb. 3). Das vorindustrielle Gewerbe war vollständig von Waldprodukten abhängig. Das Holz zum Bau von Häusern, Wagen oder Schiffen, die Holzkohle für die Metallgewerbe, die Pottasche für die Glasherstellung, die Seifensieder, die Lohrinde für die Gerber oder das Harz für die Farbenhersteller waren nicht wegzudenken ohne einen gesamten Gewerbezweig infrage zu stellen. Selbst zur Ernährung trug der Wald über die Waldweide, die Eichelmast, das Schneiteln und die Stalleinstreu erheblich bei. Mit zunehmendem Wachstum der Städte und der einhergehenden Ausweitung der Frühindustrie (z. B. Glasherstellung) wurde der Wald jedoch auch zunehmend belastet. Die alten Modelle der Forstordnungen versagten, weil der Rohstoffhunger der Gewerbe kaum zu stillen war, weil die Bevölkerung nach dem 30-jährigen Krieg wieder stark zunahm und weil der Wald auch noch den Druck der barocken Jagdleidenschaft zu tragen hatte mit den bekannten überhöhten Wildbeständen.

Diese Koppelung von Rohstoffversorgung der Wirtschaft und forstlicher Produktion endete etwa um 1800, als die Landwirtschaft sich durch Einführung von Stallfütterung und Mineraldüngung vom Wald löste. Auch im Gewerbe wurden nach und nach viele Produkte, die bislang der Wald geliefert hatte, durch andere ersetzt. Im Bau wurde Eisen eingeführt und vermehrt Stein verwendet, die Chemie entwickelte sich und ersetzte nach und nach die Waldrohstoffe. Vor allem aber wurde die Steinkohle als Energiequelle entdeckt und mit Hilfe der Eisenbahn weit verbreitet, was den Wald enorm entlastete.

Damit war der Wald vom Würgegriff der sich entwickelnden Industrie befreit. War bislang alle Nachhaltigkeit auf die Versorgung von Industrie und Gewerbe ausgerichtet gewesen, was vielfach nur Umtriebszeiten von 60 Jahren zugelassen hatte, war es nun erstmals möglich, das Prinzip der Nachhaltigkeit voll und ganz im forstlichen Sinne zu gestalten. Die Forstwirtschaft war damit endlich emanzipiert. Durch die Purifikation, die Rechteablösung im Zuge der Säkularisation, war ein übriges getan. Die Auswirkungen kamen prompt: Die Forsteinrichtung als planerische Disziplin wurde geboren. Mit Massen- und Flächenfachwerken wurde nun Nachhaltigkeit für ganze Umtriebszeiten und darüber hinaus geplant. Aus heutiger Sicht mag es etwas irreal gewesen sein für 100 Jahre und mehr zu planen. Dies ist wohl auf den Enthusiasmus zurückzuführen, endlich Forstwirtschaft betreiben zu können, die auf das Optimum der Produktion ausgerichtet ist, nämlich wertvolles Stammholz. Zahlreiche Formeln, die die Nachhaltigkeit verproben und sichern sollten, wurden entwickelt. Auch die Umtriebszeit wurde verlängert, da kein Zwang mehr bestand, halbreifes Holz zu ernten. Dies lag daran, dass Brennholz im 19. Jahrhundert zunehmend durch Steinkohle ersetzt wurde, die durch die aufkommende Eisenbahn überallhin gebracht werden konnte (Abb. 4).

Die Brennholznutzung ging Zug um Zug zurück, das Holz konnte länger reifen, es wurde in langen Umtrieben mehr und mehr Stammholz produziert.

Produktion von Brennholz und Stammholz
Abb. 4: Im 19. und 20. Jahrhundert ging die Produktion von Brennholz zugunsten von langumtriebigem Stammholz zurück. Anlass war die zunehmende Verwendung der Steinkohle.

Zusammenfassung

Der Begriff Nachhaltigkeit wurde im 18. Jahrhundert in der Forstwirtschaft eingeführt. Das Grundprinzip wurde bereits in der Markgenossenschaft entwickelt und im mittelalterlichen Nieder- und Mittelwald praktiziert. Mit der Zunahme von Bevölkerung und Gewerbe im Hochmittelalter verknappte sich der Rohstoff Holz zusehends. Deshalb wurde vom vorindustriellen Unternehmer Peter Stromer in Nürnberg die künstliche Wiederbewaldung kahler Flächen erprobt und eingeführt. Auch großindustrielle Unternehmen, wie die Saline in Reichenhall, gingen frühzeitig durch planerisches Handeln von der exploitativen Waldnutzung zur schlagweisen Bewirtschaftung über, um die stetige und gleichmäßige Versorgung der Industrie mit der Energie- und Rohstoffressource Holz sicherzustellen.

Das Prinzip der forstlichen Nachhaltigkeit stammt damit zum einen aus der bäuerlichen Allmende, zum anderen aus der mittelalterlichen, städtischen Frühindustrie.

Literatur

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Herrmann, B. (Hrsg.) (1996): Mensch und Umwelt im Mittelalter. Fourier, Lizenz Dt. Verl. Anst. Stuttg., Wiesbaden, 288 S.

Löffler, H.; Hamberger, J.; Warkotsch, W. (2002): Wie in Bayern das Holz aus dem Wald kam. Holzernte, Walderschließung und Holztransport einst und jetzt. In: Bleymüller, H., Gundermann, E. Beck, R. (Hrsg.): 250 Jahre Bayerische Staatsforstverwaltung - Rückblicke, Einblicke, Ausblicke. Mitteilungen aus der Bayer. Staatsforstverwaltung, Heft 51, Bd. 2, München, S. 335 – 368

Mantel, K. (1990): Wald und Fost in der Geschichte. M.&H. Schaper, Hannover, 518 S.

Speidel, G. (1972): Planung im Forstbetrieb: Grundlagen und Methoden der Forsteinrichtung. Paul Parey, Hamburg, 267 S.

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