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LWF

Bayerische Landesanstalt
für Wald und Forstwirtschaft

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Artikel

Autor(en): Günter Dobler
Redaktion: LWF, Deutschland
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Kinderphilosophie und Waldpädagogik: Selber denken macht schlau!

Aus Kindern sollen mündige Bürger werden, die sich für den Wald und eine zukunftsfähige Gesellschaft einsetzen. Dazu braucht es aber mehr als nur schöne Erlebnisse bei waldpädagogischen Führungen. Mit Hilfe der Kinderphilosophie kann Waldpädagogik für eine nachhaltige Entwicklung eingesetzt werden.

Auch Kinder denken abstrakt
Abb. 1: Kinder lernen Ansichten zu hinterfragen, darüber nachzudenken und ihre Meinung logisch zu begründen (Foto: www.montclair.edu/iapc).

Kinderphilosophie kann Waldpädagogik ergänzen

Schöne Erlebnisse sind für Kinder bei waldpädagogischen Führungen besonders wichtig. Doch sie allein reichen nicht, damit aus Kindern mündige Bürger werden, die sich für den Wald und eine zukunftsfähige Gesellschaft einsetzen. Wer Waldpädagogik stärker für Ziele der Bildung für nachhaltige Entwicklung einsetzen möchte, braucht Ansätze und Methoden wie sie die Kinderphilosophie bietet. Deshalb beschäftigt sich auch die Projektgruppe Forstliche Bildungsarbeit der Bayerischen Forstverwaltung mit diesem Thema.

Wer am Ende einer waldpädagogischen Führung in begeisterte Kindergesichter blickt, geht mit einem guten Gefühl nach Hause. Mancher Lehrer, von den Vorgaben des Lehrplans geknechtet, würde gerne einmal wie der Förster da stehen, authentisch und aus erster Hand so eine spannende „Wunderwelt“ vermitteln. Waldpädagogik steht nicht für trockene Wissensweitergabe, sondern für tolle Erlebnisse mit eingebautem Erkenntniswert. Wer Freunde für den Wald gewinnen will, tut gut daran, Erlebnispädagogik zu betreiben.

Damit ist ein wichtiger erster Schritt getan, der Weg aber noch lange nicht zu Ende gegangen. Der Wald steht wie alle Ressourcen im Mittelpunkt vielfältiger Ansprüche. Interessen und Weltanschauungen treffen im gesellschaftlichen Diskurs aufeinander. Damit dieser fruchtbar wird, braucht es mündige Bürger, die andere Sichtweisen verstehen, sich zu artikulieren wissen, konstruktiv argumentieren und ethische Gesichtspunkte berücksichtigen. Kinderphilosophie eignet sich hervorragend dazu, diese Fähigkeiten zu trainieren. Fähigkeiten, die zur Gestaltungskompetenz gehören und damit ein wichtiges Ziel der Bildung für nachhaltige Entwicklung darstellen.

Kinder und Philosophie

Kinderphilosophie heißt Philosophieren oder Nachdenken mit Kindern. "Kinder" umfasst dabei streng genommen die Altersspanne ab Erreichen der Sprachfähigkeit bis zwölf Jahre. Viele Autoren beziehen sich mit dem Ausdruck "Kinderphilosophie" aber auch auf Jugendliche, weil gerade sie besonders davon profitieren können.

Ist Kinderphilosophie aber wirklich Philosophie? Kritiker meinen, Kinder können noch nicht so abstrakt denken, wie es für die Philosophie notwendig wäre. Befürworter halten dagegen, dass die Inhalte – nämlich fundamentale Lebensfragen – dieselben sind. Auch die Werkzeuge sind die gleichen: Erklären, Begründen, Infragestellen. Man könnte sagen, die Kinderphilosophie verhält sich zur Philosophie wie die Küche zum Labor und an beiden Orten dampft und brodelt es heftig.

Die Anfänge der Kinderphilosophie

Diskutieren im Kindergarten
Abb. 2: Auch der Kindergarten eignet sich sehr gut zum Diskutieren (Foto: Institut für Kinderphilosophie).

Der amerikanische Philosophieprofessor Matthew Lipman forderte in den siebziger Jahren, dass Kinder bereits in der Grundschule angeregt werden, über wichtige Sinnfragen des menschlichen Lebens nachzudenken und sich eine eigene begründete Meinung zu bilden. Er entwickelte hierfür ein eigenes Curriculum (Paket aus Lehrzielen und durchdachtem Ablauf des Lehr- und Lernprozesses, Anm. d. Redaktion), das er Philosophy for Children (Philosophie für Kinder) nannte. Zeitgleich gründete er 1972 das Institute for the Advancement of Philosophy for Children (IACP). Mit Hilfe selbst verfasster philosophischer Geschichten übte er mit Kindern philosophisches Fragen, Nachdenken und Zweifeln.

Zu Beginn der achtziger Jahre kam das Philosophieren mit Kindern auch nach Europa. In mehr als zehn Staaten fanden bisher in Grundschulen Projekte statt, die z. B. in Österreich und Spanien im Anhalt an das Programm von Lipman durchgeführt wurden. In der Bundesrepublik gibt es in fünf Bundesländern (Bayern, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen) das Fach Ethik als Ersatz- beziehungsweise Wahlpflichtfach zum Religionsunterricht. In Thüringen und Sachsen empfehlen die Lehrpläne das Philosophieren mit Kindern als methodisches Grundprinzip des Unterrichts. In Mecklenburg-Vorpommern trägt das Ersatzfach zum Religionsunterricht die Bezeichnung "Philosophieren mit Kindern". Damit ist Mecklenburg-Vorpommern das erste Land in Europa, das sie als ein eigenständiges Fach eingeführt hat, wenn auch als Ersatzfach zur Religionslehre.

2004 begann das zweijährige Projekt "Kinder philosophieren" an dreizehn ausgewählten Kindergärten und Grundschulen in Bayern. Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft unterstützt das Vorhaben. Sie erhofft sich ein verbessertes Bildungsniveau der Bewerber von übermorgen.

Kinderphilosophie braucht die Erlebnisseite der Waldpädagogik

Wer Kinderphilosophie erfolgreich für die Waldpädagogik nutzen will, darf die Erlebnisseite nicht über Bord werfen. Kinder brauchen konkrete und anschauliche Ansatzpunkte. Darum greift die Kinderphilosophie schon immer auf Geschichten, Zeichnungen, Fotos und Filme zurück, nutzt Rollen- und Kommunikationsspiele, Pantomime und vieles mehr.

Aktivitäten der Erlebnispädagogik bieten sich oft als solche Ansatzpunkte an oder man entwickelt neue, die Impulse für eine philosophische Beschäftigung geben. Rollenspiele wie die Aktivität "Jagd" im Leitfaden Forstliche Bildungsarbeit (Bayer. Forstministerium 2004) können für naturethische Diskussionen genutzt werden. In der Aktivität "Eichhörnchen im Winter" dieses Leitfadens schlüpft jedes Kind in die Rolle eines Eichhörnchens, versteckt Nüsse und muss diese später schnell wieder finden, sonst "verhungert" es. "Räuber" die nicht sammeln, sondern Nüsse nur stehlen, erschweren das noch. Das Spiel vermittelt eigentlich unsoziale Verhaltensweisen, kann aber über eine kinderphilosophische Aufarbeitung positiv gewendet werden. Man könnte überlegen und dann z. B. pantomimisch darstellen lassen, wie die Eichhörnchen oder Menschen an ihrer Stelle das für alle Beteiligten besser lösen könnten.

Noch ein Beispiel: "Was meinst Du: Soll im Park ein neuer Abenteuerspielplatz gebaut werden, auch wenn dafür alle Bäume gefällt werden müssen – Bäume, in denen sogar Fledermäuse leben?" Vor solch einem Dilemma standen sechs- bis neunjährige Kinder eines Hamburger Umweltprojektes. Zuvor gab es eine ganze Reihe von Aktivitäten, in denen die Kinder etwas über Fledermäuse lernten, sie unter anderem in ihren Nachtquartieren aufsuchten oder mit Experten sprachen. Die kinderphilosophische Diskussion stand also nicht allein, sondern war Teil eines größeren Programms. Nach anfänglicher Uneinigkeit sprachen sich am Schluss alle Kinder gegen den Abenteuerspielplatz aus. Manche allerdings nicht bedingungslos: "Ja, aber nur, wenn dann der alte Spielplatz etwas Neues bekommt. Sonst find ich das blöd. Gar nichts wäre doch blöd!" (Walensky 2001).

Der Erfolg bemisst sich aber keinesfalls an dem für die Fledermäuse positiven Ergebnis, sondern daran, wie die Kinder über das Problem nachdachten und argumentierten. Die Verantwortlichen waren selbst überrascht, wie ernsthaft die Kinder diskutierten. Sie sagten nicht nur ihre Meinung, sondern begründeten sie und nahmen auf die Argumente anderer Kinder Bezug.

Wer staunt, der macht die Augen auf

Die Fähigkeit zum Staunen und zwar gerade über Dinge, die Erwachsenen selbstverständlich erscheinen, ist Grundlage der Philosophie. In diesem Sinne sind Kinder geborene Philosophen, die sich gerne mit Fragen beschäftigen, von denen die Erwachsenen oftmals fälschlicherweise gelernt haben, dass sie kindisch seien. Dabei hilft gerade die Beschäftigung mit diesen Fragen, etwas Wichtiges über das eigene Dasein herauszufinden.

Und Sie, liebe Leser?

Was meinen Sie, liebe Leser? Haben Pflanzen Gefühle? Haben Tiere eine Seele? Können Tiere böse sein? Ist ein Fuchs, der einen Hasen jagt, böse? Und wenn ein Mensch den Hasen jagt, ist der böse? Warum? Warum nicht?

Günter Dobler war Mitarbeiter im ehemaligen Sachgebiet Wissenstransfer und Waldpädagogik der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) und hat einen Magister in Philosophie und Sozialen Verhaltenswissenschaften.

Literatur

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