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Artikel

Autor(en): Rainer Brämer (Universität Marburg)
Redaktion: WSL, Schweiz
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Nachhaltige Naturentfremdung

Heute sollte die ganze Welt wissen, dass die Zukunft der Menschheit entscheidend von einem nachhaltigen Umgang mit all unseren natürlichen Ressourcen abhängt. Die seit längerem propagierte "Erziehung zur Nachhaltigkeit" sorgt dafür, dass wenigstens die junge Generation Bescheid weiss. Jedoch: Wie weit sind wir dabei gekommen? Weiss heute jedes Kind, was Nachhaltigkeit bedeutet? Der "Jugendreport Natur" der Universität Marburg lässt erhebliche Zweifel daran aufkommen.

Quietsche-Entchen
Abb. 1 - Die Ansicht, dass Enten gelb seien, ist bei Kindern und Jugendlichen bis in immer höhere Alter verhaftet.
Foto: www.agbshop.at
 

Hinweise darauf hatte es schon im ersten "Jugendreport Natur" aus dem Jahre 1997 gegeben. Seinerzeit waren über 2500 nordrhein-westfälische Jugendliche der Klassenstufen 5–12 aller Schulformen befragt worden. Sechs Jahre später wurden im zweiten "Jugendreport Natur" 1400 Schüler/innen aus vergleichbaren Regionen und Schulen erneut auf ihre Einstellungen zur Natur befragt. Der Vergleich der beiden Studien zeigt, dass die Naturentfremdung der jungen Generation seither noch zugenommen hat.

Das dokumentiert sich schon ganz vordergründig beim Alltagswissen. Viele Kinder wissen kaum noch etwas über die natürliche Herkunft ihrer Lieblingssnacks. Zur Debatte standen u. a. Kakao und Vanille als Ingredienzien von Eis, Pudding und Schokoriegeln. Ihre Ausgangsfrüchte konnten nurmehr von einer Minderheit richtig verortet werden. Ähnliches gilt für die Früchte der Rose, nach Ausweis der 97er-Studie mit Abstand die Lieblingsblume Jugendlicher. Offenbar hat sich die Mehrheit der Befragten lediglich mit dem jeweiligen Konsumprodukt und seinen geschmacklichen bzw. ästhetischen Eigenschaften, nicht aber mit den hierfür als Rohstoff fungierenden Pflanzen befasst.

Tabelle 1 - Befragung über Pflanzenteile, die im Alltag fast nur noch in verarbeiteter Form wahrgenommen werden.
Früchte im Alltag  
Wie heissen die Früchte von Kakaobäumen? richtig 47%
Wie heissen die Früchte von wilden Rosen? richtig 21%
Welche Farben haben Vanillefrüchte? richtig 25%
Hagebutten
Abb. 2 - Lediglich ein Fünftel der befragten Kinder kannte den Namen der Früchte wilder Rosen.
Foto: Thomas Reich (WSL)
 

Das gilt nicht nur für materielle, sondern auch für ideelle Produkte. Schon 1997 war aufgefallen, dass die Farbeindrücke von Tieren partiell durch Medien verfälscht werden können. Davon war zwar nicht die Kuh betroffen, deren penetrante Umkolorierung in Richtung Lila auch von Jugendlichen als Gag identifiziert wird. Anders die medial häufig nach dem Kindchen/Küken- Schema auf gelb getrimmte Ente. Davon waren 1997 zwar nur 7% der Sechst- und Neuntklässler angesteckt worden, indem sie als typische Entenfarbe Gelb notierten. 2003 waren es aber schon 11%.

Tabelle 2 - Anteil Kinder die glauben, dass Enten gelb sind.
"Gelbe Ente"
1997
2003
Gesamt (Klasse 6 und 9)
7% 11%
Klasse 9
6%
5%
Klasse 6
7%
16%
Klasse 5
16%
 
Klasse 3
50%
 
Klasse 1
70%
 

Mehr noch: Eine Nachfassstudie ergab seinerzeit, dass der Gelbanteil bei Kindern um so grösser wurde, je jünger sie waren. In der ersten Klasse waren fast drei Viertel überzeugt, dass Enten gelb seien. Unsere Youngster scheinen also Enten zuerst in ihrer "Medienversion" kennen zu lernen. Erst allmählich setzt sich die Realität durch, bis am Ende der 5. Klasse der Basislevel von etwa 5% Gelbsichtigen erreicht wurde. Neuerdings flacht sich die Gelbkurve indes nicht mehr nach der 5., sondern erst nach der 6. Klasse ab. Der Durchbruch zur Realität hat sich also um ein ganzes Jahr nach hinten verschoben.

Natur ist langweilig

Das geht einher mit einem sinkenden Interesse an Naturwissen. Selbst wenn es nicht um Wissen, sondern um Erlebnisse geht, weist der neue "Jugendreport Natur" erhebliche Lücken aus. Gefragt, ob man stichwortartig ein eindrucksvolles Naturerlebnis beschreiben könne, blieben 42% die Antwort schuldig – bei Berücksichtigung der etwas anderen Fragestellung rund 4% mehr als 1997. Dabei wurden Jungen mit 47% erheblich häufiger von der Erinnerung verlassen als Mädchen mit 35%. Offenbar stellen sich viele junge Menschen unter Erlebnis etwas anderes vor als das, was ihnen die Natur bisher geboten hat. Angesichts schriller Medien-Events und schneller Filmschnitte erscheint Natur eher langweilig.

Deutlicher noch als bei den tatsächlichen Erlebnissen zeigt sich die abnehmende Lust auf Natur bei den Vorlieben für grüne Aktivitäten (Draussen übernachten, mit dem Förtser in den Wald, etc.) Der sich hierin veranschaulichende Abschied von der Natur zeigt sich nicht nur im Jahres-, sondern auch im Altersvergleich. In der pubertären Entwicklungsspanne zwischen den Klassen 6 und 9 nimmt die Neigung zu Unternehmungen in der Natur dramatisch ab (Tabelle 3). Mehr noch als zuvor ist also Erwachsenwerden mit dem Zurücklassen der Natur in der Kindheit identisch.

Tabelle 3 - In der Pubertät geht die Freude an Naturerlebnissen stark zurück.
Das machen Jugendliche gern
Klasse 6
Klasse 9
auf Bäume klettern
64%
38%
Tiere beobachten
64%
42%
Waldlehrpfad begehen
48%
29%
mit dem Förster durch den Wald
37%
14%
 Wandern 44% 23%

Das Bild ändert sich total, wenn man nicht nach alltäglichen Naturkontakten, sondern nach abstrakten Naturbekenntnissen fragt. Zwar haben auch hier die Zustimmungsraten leicht abgenommen, liegen aber immer noch im hoch positiven Bereich. Natur erscheint aus jugendlicher Sicht fast durchweg als etwas Gutes, Harmonisches und Seelenvolles, nur der Mensch passt da nicht hinein.

Der gute Wald

Fällen einer dicken Weisstanne
Abb. 3 - Aus der Sicht vieler Jugendlicher ist das Fällen von Bäumen schädlich. Zwischen Pflanzen und Ernten klafft im jugendlichen Bewusstsein eine Lücke, die von Forstsoziologen als "Schlachthausparadox" bezeichnet wird.
Foto: Hansheinrich Bachofen (WSL)
 

Als Inbegriff von Natur fungiert in der jungen Generation der Wald. Obwohl weitgehend nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten gestaltet, erscheint er wegen seiner langen Wuchszeiten als vergleichsweise unberührt. Von daher kann man sich unter einem Förster auch nur jemanden vorstellen, der den Wald hegt und pflegt. In diesem Sinne findet er bei Jugendlichen vollstes Verständnis. Um das zu unterstützen, sind junge Menschen auch bereit, Verbote hinzunehmen und sich aussperren zu lassen.

Tabelle 4 - Holz zu fällen oder den Wildbestand zu verringern stösst auf immer weniger Verständnis.
Das finden Jugendliche wichtig oder nützlich 1997 2003
Bäume pflanzen 
96% 90%
Den Wald sauber halten 91% 96%
Totholz wegräumen
53% 47% 
Verbotsschilder 80% 70%
Noch mehr Wald sperren 53% 47%
Das finden Jugendliche schädlich 1997 2003
Holz fällen
71% 73%
Den Wildbestand verringern 
52% 61%
Quer durch den Wald laufen 41% 45%
Im Wald zelten 44% 39%

Wer dagegen dem Wald Böses tut, seine Bäume fällen oder seine Tiere töten will, der gehört zu den ausgemachten Feinden der Natur. Die pauschale Verurteilung jeglicher Nutzung des Waldes hat in den letzten Jahren sogar noch zugenommen. Mittlerweile hält fast die Hälfte der jungen Generation Jäger für Tiermörder.

Sogar sich selber scheinen sie von dieser rigiden Parteinahme für den Wald nicht auszunehmen. Fast die Hälfte der Befragten geht dabei so weit, das Betreten des Waldes und das Übernachten unter seinen Kronen für schädlich zu halten. Ohnehin schon immer mehr aus den schönsten und abenteuerlichsten Naturarealen per Verwaltungsakt ausgewiesen, hat die nächste Generation die Zeigefingermoral der forstlichen Interessengruppen schon so weit verinnerlicht, dass sie sich selbst auszusperren beginnt. Die Naturentfremdung verstärkt sich damit gewissermassen selber.

Das "Bambi-Syndrom"

Bambi
Abb. 4 - Viele Jugendliche haben das "Bambi-Syndrom"
Foto: Thomas Reich (WSL)
 

Diese und ähnliche Entfremdungs-Phänomene wurde schon 1997 als "Bambi-Syndrom" klassifiziert: Aus der Sicht Jugendlicher

  • ist Natur wichtig, gut, schön und harmonisch;
  • muss man Natur sauber halten und darf sie nicht stören;
  • sind Verbotsschilder gut, Querwaldeintouren schädlich;
  • haben Tiere und Pflanzen eine Seele;
  • muss man der Natur helfen und Schutz gewähren;
  • ist das Pflanzen von Bäumen und das Füttern von Vögeln sehr wichtig;
  • ist das Fällen von Bäumen schädlich und das Töten von Tieren Mord.

Kurz: Die Natur gleicht einem süssen, schönen, aber armen und verlorenen Bambi, dem man unter allen Umständen helfen muss und das man zugleich nicht stören, berühren oder gar töten darf.

Besonders besorgniserregend erscheint der Umstand, dass Jugendliche die Notwendigkeit einer massenhaften Nutzung der Natur zur Sicherung menschlichen Überlebens entweder weitgehend aus ihrem Weltbild verbannt haben oder, darauf angesprochen, als Randproblem ansehen bzw. in Bausch und Bogen verdammen.

Tatsächlich wissen Jugendliche nur wenig über die Rohstoffe von Konsumprodukten, interessieren sich nicht für Nutztiere oder -pflanzen und übersehen den produktiven Zusammenhang zwischen Ressourcen und Produkten. Besonders auffällig dokumentiert sich dieses Realitätsdefizit am Beispiel des Waldes: Wer einerseits Bäumepflanzen für extrem wichtig und andererseits das Fällen von Bäumen für waldschädlich hält, hat offenbar nicht begriffen, dass man in unseren Wäldern nur Bäume zu pflanzen braucht, wenn man sie auch ernten will – andernfalls entwickelt sich der Wald prächtig von alleine weiter.

Zwischen pflanzen und ernten klafft im jugendlichen Bewusstsein eine Bewusstseinslücke, die von Forstsoziologen unter dem Stichwort "Schlachthausparadox" beklagt und für das schlechte Ansehen der hierin angesiedelten Forstwirtschaft verantwortlich gemacht wird. Wenn trotzdem mit der wirtschaftlichen Nutzung konfrontiert, setzt bei jungen Menschen mangels Einsicht in die Notwendigkeit der "Bambi-Verteidigungsreflex" ein.

Blockiertes Nachhaltigkeitsverständnis

Wenn aber das Wissen um die elementare Bedeutung der Naturnutzung für uns alle verloren gegangen ist, dann muss es fast zwangsläufig schwer fallen, den Sinn des Nachhaltigkeitsgebots zu begreifen – zielt dieses Gebot doch auf nichts anderes als die Naturnutzung und ihre mehr oder weniger naturverträglichen Varianten. Wer also Naturschutz lediglich im Sinne der Abschottung gegenüber dem utilitaristischen Zugriff des Menschen versteht, blockiert damit einen zentralen Zugang zum Verständnis von Nachhaltigkeit.

Um diese Hypothese zu überprüfen, wurden die Teilnehmer der Befragung gebeten, typische Merkmale von Nachhaltigkeit zu benennen. Tatsächlich fiel 54% der Jugendlichen hierzu gar nichts ein, 35% lagen voll daneben, 9% hatten eine gewisse Ahnung, nur 2% trafen – wenn auch in diffusen Formulierungen – den Kern. Dabei orientierte sich die Mehrheit der Fehlantworten an den einschlägigen Geboten volkstümlicher Naturmoral, in denen sich das "Bambi-Syndrom" zu höchster Blüte entfaltet: Tiere nicht ärgern, Bäume nicht erklettern, keinen Müll wegwerfen, nicht im Wald spielen, nicht schreien, keine Musik hören, keine Blumen pflücken – all diese Bambismen sind mehr oder weniger verquer rezipierte Ausflüsse asketischer Zeigefingersprüche auf Lehrtafeln und Verbotsschildern, die noch nicht einmal sonderlich viel mit Naturschutz zu tun haben.

Spätestens danach ist klar: Das von vielen Naturschützern gepflegte Bild, welches die Natur nur als hilfloses Opfer menschlicher Vergewaltigung erscheinen lässt, dem man mit grosser Helfergeste beispringen muss ("Baum ab, nein danke", "Freunde der Erde") tritt in den Köpfen der jungen Generation an die Stelle realistischer Zielvorstellungen im Sinne von Nachhaltigkeit. Damit verhindert es die Beschäftigung mit der entscheidenden Zukunftsfrage nach der richtigen Art der Naturnutzung. Wer pauschal Nützen gegen Schützen stellt, unterminiert die "Bildung zur Nachhaltigkeit".

Natur in den Alltag

Kinder sägen einen Baum um
Abb. 5 - Unmittelbare Naturerfahrung: sägen macht Spass!
Foto: Thomas Reich (WSL)

Hieraus Schlussfolgerungen für den Umgang mit Jugendlichen und die pädagogische Gestaltung ihrer Lebensräume zu ziehen, dürfte nicht ganz einfach sein. Denn schliesslich ist kaum jemand, schon gar nicht die Jugend selber, für diesen Zustand verantwortlich zu machen. Hier schlagen gesellschaftliche Verhältnisse so massiv durch, dass die Pädagogik, wenn sich die Verhältnisse nicht als solche in Richtung auf mehr Nachhaltigkeit und Abkehr vom technologischen Wachstumsfetisch ändern, bestenfalls flickschustern kann.

Ansatzpunkte hierfür könnten zum Beispiel sein:

  • die Förderung von Naturkindergärten;
  • die Schaffung von Naturerlebnisräumen für freies Spielen und Gestalten (auch und gerade im städtischen Umfeld);
  • die Brechung des naturwissenschaftlichen Deutungsmonopols in der Schule zugunsten von mehr unmittelbarer Naturerfahrung;
  • vielfältige ausserschulische Naturangebote;
  • die Wiederbelebung jugendgemässer Formen des Wanderns;
  • die Aufwertung von Jugendwaldheimen und Jugendbauernhöfen sowie
  • die Einführung eines nachhaltigen Naturdienstes an Stelle ausschliesslich schutzorientierter Aktivitäten.
Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift Wald und Holz. Wald und Holz

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Kontakt

  • Rainer Brämer
    Institut für Erziehungswissenschaft
    Philipps-Universität Marburg
    Wilhelm-Röpke-Straße 6B
    D-35032 Marburg
    Tel. +49-6421-28 24709
    e-mail: braemer @ staff.uni-marburg.de

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