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Artikel

Autor(en): Karl-Heinz Lieber (MLR BW Forstpolitik und Öffentlichkeitsarbeit)
Redaktion: FVA, Deutschland
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Besser denn je: Der Wald in Baden-Württemberg

Forstpolitische Bewertung und Interpretation der BWI3-Ergebnisse

Die 3. Bundeswaldinventur (BWI3) zeigt: Die Waldwirtschaft in Baden-Württemberg befindet sich in einer erfreulichen Vorwärtsbewegung. Selten war der Wald in der Forstgeschichte der vergangenen 1000 Jahren besser aufgestellt wie in der Gegenwart.

Mehr Beiträge zur BWI3 finden Sie im Artikel: Langfristige Waldbeobachtung: Einführung in die BWI3

Inhalt

Die forstpolitische Interpretation und Bewertung der Ergebnisse der dritten Bundeswaldinventur (BWI3) ist für einen Forstpolitiker, der sich meist mit diskursiven Problemfragen befassen darf, eine wohltuende Abwechslung. Die BWI3-Ergebnisse belegen eindrucksvoll den naturnahen Weg, den die Landesforstverwaltung 1992 mit der Begründung der Agenda zur naturnahen Waldwirtschaft eingeschlagen hat. Die damals kühnen Träume und Visionen wurden zwischenzeitlich Realität. Einziger Wermutstropfen: Der Baumartenwandel erfolgte wegen der klimatischen Verschiebungen zuungunsten des Nadelholzes vehementer und abrupter, als man es sich vor über 20 Jahren auch nur hätte erträumen können. Der fulminante Nadelholzrückgang betrug in den vergangenen 25 Jahren etwa 10%. Das Verhältnis von Nadelholz zu Laubholz liegt heute annähernd 50/50.

Des einen Freud ist des anderen Leid: So positiv diese Entwicklung aus forstpolitischer und ökologischer Sicht auch ist, Sägeindustrie und Holzverbrauchende stöhnen angesichts des Trendwandels in der Baumartenzusammensetzung. Die ertragsreichen Nadelholzanteile schwinden aus den Wäldern, die ökologisch zuträglichen Laubbäume müssen erst noch ihren wirtschaftlichen Mehrwert unter Beweis stellen. Dass dies unter den gegenwärtigen Marktverhältnissen schwer zu bewerkstelligen ist, hat der Vertreter der Säge- und Holzindustrie im Beitrag Multifunktionalität des Waldes in Gefahr wortreich dargestellt. Die Bäume wachsen demnach nicht für alle in den Himmel.

Waldentwicklung: Die Richtung stimmt in Baden-Württemberg.
Abb. 1: Waldentwicklung: Die Richtung stimmt in Baden-Württemberg.

Kernaussagen

Die Wälder in Baden-Württemberg haben an Performance, Ausbreitung, Vielfalt, Buntheit und Naturnähe dazugewonnen. Es überwiegen gemischte und strukturierte Waldformationen mit einem hohen Anteil an standortsgerechten und gebietsheimischen Baumarten. Die Biodiversität ist im Bereich der Baumartenentwicklung eindeutig in einer Vorwärtsbewegung. Dies ist vor dem Hintergrund der vielfachen Waldfunktionen eine mehr als überzeugende Entwicklung. Damit nimmt die Schutz- und Erholungsfunktion der Wälder in Baden-Württemberg mess- und fühlbar zu. Der große Anteil an Natura 2000-Waldflächen sollte sich aus übergeordneter Sicht aufgrund dieser Entwicklung in einem grundsätzlich positiven Erhaltungszustand befinden. Dies wird auch im Rahmen der Berichtspflicht 2013 eindrucksvoll für die beiden großen Lebensraumtypen 9110 und 9130 bestätigt. Damit ist das Verschlechterungsverbot und eine damit verbundene Verbesserungspflicht (inklusive Vertragsverletzungsverfahren) der baden-württembergischen Forstbranche weitgehend ausgeschlossen: Das ist das sehr überzeugende Ergebnis einer multifunktionalen Waldwirtschaft in Baden-Württemberg in allen Waldbesitzarten.

Die Wälder wurden zudem älter, reifer und strukturreicher. Dies sind weitere Belege für eine zielgerechte Entwicklung hin zu strukturierten Mischwäldern, die aus ökonomischen, sozialen und ökologischen Gründen besonders angestrebt werden. Die Richtung stimmt also.

Aber: Wir wären nicht in Baden-Württemberg, wenn es nicht tatsächlich noch Potenziale für Verbesserungen geben könnte.

Kalamitätsbedingt hat sich der Baumartenwandel auch im Zusammenhang mit den Klimaveränderungen beschleunigt eingestellt."Verlierer" sind bislang die Nadelhölzer und aktuell wahrscheinlich auch die Esche (Fraxinus excelsior). Damit droht dem wirtschaftlichen Potenzial der heimischen Wälder eine unsichere Perspektive. Diese Befürchtung bedarf einer differenzierten Betrachtung: Klimalabile Nadelholzanteile können aufgrund der Erfahrungen der zurückliegenden 25 Jahre vor dem Hintergrund der Klimaprognosen auch aus ökonomischen Gründen nicht weiter im bisherigen Umfang „kultiviert“ werden. Es ist daher angezeigt, die standörtlichen und klimarelevanten Ansprüche der Nadelbaumarten fachlich und kreativ zu verwenden, um die Nutzfunktion der Mischwälder in der Balance zu den anderen Schutz- und Erholungsfunktionen weiterzuentwickeln.

Die Douglasie (Pseudotsuga menziesii) konnte trotz der Anbauwellen in den 60/70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts keine Dominanz geschweige denn eine Invasivität erlangen. Ohne anthropogene Unterstützung wird sich die Douglasie auch in Zukunft nicht behaupten können. Es ist aus strategischen Gründen vernünftig begründbar, die klimalabile Fichte durch die klimaresistentere Douglasie zu ersetzen. Es wird allerdings nicht zu einer Flächenexpansion des Nadelholzes führen, wenn eine Nadelbaumart durch eine andere ersetzt werden wird. Dieses wird maximal den Abschwung abmildern, aber nicht grundsätzlich aufhalten.

Es ist gegenwärtig weder forst- noch gesellschaftspolitisch mehrheitsfähig, Laubwälder mit bedeutsamen Nadelholzanteilen, insbesondere mit Douglasie, anzureichern, geschweige denn umzuwandeln. Die forstpolitische Realisierbarkeit hinkt den waldbau-standörtlichen Potenzialen hier deutlich hinterher. Man braucht also kein Prophet zu sein, um vorherzusehen, dass die Douglasie weiterhin in den öffentlichen Wäldern Baden-Württembergs ehe eine „smarte Mischbaumart“ bleiben wird. An eine dynamische Vorwärtsentwicklung ist derzeit weder aus ökologischer Sicht noch aus forstpolitischer Sicht zu denken.

Blick in die Zukunft – Wie könnte es weitergehen?

Ein Blick in die jungen Wälder zeigt, dass sowohl die Naturverjüngungsvorräte wie auch die I. Altersklasse noch über ein beachtenswertes Mischungs-Potenzial an Nadelbaumarten verfügen. Es wird vordringlich sein, diese bestehenden Potenziale zu sichern und zukunftsgerichtet zu entwickeln. Jungwäldern wohnen noch vielfältige Entwicklungspotenziale inne. Es ist hier eine prioritäre Aufgabe der Jungbestandspflege (gerade auch unter Schirm) sowie der Mischungsregulierung in Erstdurchforstungen, Nadelholzbeimischungen zu sichern und gezielt zu entwickeln. Nadelholzanteile müssen hier wieder eine adäquate Wertschätzung erfahren, wenn deren Anteile auch in der Realität gesichert werden sollen.

Dass neue Strategien vor dem Hintergrund der "forstlichen Keimruhe" Zeit benötigen, bis diese in der Praxis ankommen, ist allseits bekannt. Anhand der aktuellen Geschwindigkeit des Baumartenwandels können wir uns allerdings für eine Kurskorrektur nicht mehr lange Zeit lassen. Die "Nadelholzaversion" der vergangenen Jahre sollte einer realistischen Nadelholzwertschätzung weichen, um zügig für eine Trendumkehr zu sorgen.

Die Fichte (Picea abies) ist in Regionen über 500 m bei ausreichend Niederschlägen auch in den kommenden 50 Jahren eine zuwachsstarke Baumart, die in Mischung mit anderen gebietsheimischen Baumarten ihr ertragsstarkes Potenzial ausspielen kann. Man darf die Fichte nicht pauschal ausgrenzen – hier gilt es, Standort und Klima zu beachten und die Fichte in stabilen Mischungen zu verpacken.

Die Tanne (Abies alba) hat sich nach der Wuchs- und Vitalitäts-Depression der Nachkriegszeit dank der Luftreinhaltepolitik wieder eindrucksvoll revitalisiert. Die im Rahmen der BWI3-Ergebnisse veröffentlichten Werte übertreffen viele Erwartungen. Diese Ergebnisse sind allerdings in Relation zu den Versuchsflächen der FVA mit Vorsicht zu genießen und zu relativieren. Es wird hier vor einer allzu großen Euphorie gewarnt. Im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung ist es sicherlich nicht ratsam, der Tanne im Weinbauklima große Perspektiven zuzuschreiben. Allerdings gibt es ein weites Standorts- und Regionalklima-Spektrum in Baden-Württemberg, um verstärkt mit der Tanne zu arbeiten. Die BWI3-Ergebnisse weisen auf ein Potenzial der Tanne hin, das bislang noch nicht ausgereizt wurde. Im Interesse einer nachhaltigen Bereitstellung von "weißem" Nadelholz sollte der Tanne vermehrt unsere Aufmerksamkeit und unser jagdliches Engagement geschenkt werden.

Das zentrale forstpolitische Thema wird weiter die Biodiversitätsentwicklung in unseren Wäldern sein. Der weltweite Artenschwund und die negativen Trends für die Artenvielfalt im Offenland Baden-Württembergs rückt die Bedeutung der Wälder für den Erhalt der Artenvielfalt weiter in den Mittelpunkt. Die Biodiversitätsparameter der BWI3 stimmen zuversichtlich, dass sich diese in den Wäldern weiter positiv fortsetzen werden. Das Alt- und Totholzkonzept befindet sich ebenso in einer effektiven Umsetzungsphase wie die jüngst veröffentlichte Waldentwicklungstypen-Richtlinie. Zusätzlich wird die vom Ministerrat beschlossene Gesamtkonzeption Waldnaturschutz ihren wertvollen Beitrag für die Biodiversität leisten. An dieser Stelle wird explizit auf das 15 %-Ziel von Lichtbaumarten unter besonderer Beachtung von Lichtwaldarten hingewiesen. Dies ist Grund genug, sich bereits heute auf die BWI4 zu freuen.

Resümee

Die Waldwirtschaft in Baden-Württemberg befindet sich in einer erfreulichen Vorwärtsbewegung. Biodiversität, Resilienz und auch wirtschaftliche Potenziale der Wälder lassen darauf hoffen, dass die gesellschaftlichen Ansprüche an den Wald auch zukünftig bedient werden können. Hierzu sind begleitende Monitoring- und Referenzsysteme unerlässlich. Die BWI ist in diesem Kontext ein hervorragendes Instrument zur Nachhaltigkeitskontrolle über alle Waldbesitzarten hinweg. Die aktuellen Ergebnisse machen Lust auf Mehr und Mut für die Zukunft. Die Waldwirtschaft war in der Forst- und Waldgeschichte der vergangenen 1000 Jahren selten besser aufgestellt wie in der Gegenwart. Es ist die Aufgabe der heutigen Generation, nun die richtigen Weichen für zukünftige Entwicklungen zu stellen. Dies soll mit der partizipativen Weiterentwicklung des Konzeptes der naturnahen Waldwirtschaft geschehen.

Kontakt

Karl-Heinz Lieber
Ministerium für Ländlichen Raum
Forstpolitik und Öffentlichkeitsarbeit

Tel.: (0711) 126 - 2114
E-Mail

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