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Artikel

Autor(en): Priska Baur, Mario Gellrich, Peter Bebi
Redaktion: WSL, Schweiz
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Die Ausdehnung des Waldes als Wohlstandsphänomen

Weshalb nimmt der Wald in der Schweiz zu? Eigentlich ist es trivial, die "Rückeroberung" geschieht grösstenteils dort, wo die Bauern die landwirtschaftliche Bewirtschaftung aufgeben, weil sie nicht mehr rentiert. Dennoch bleiben offene Fragen, denn die räumliche Modellierung der Wirkungszusammenhänge stösst an Grenzen.

Der Wald rückt vor
Abb. 1 - "Kein Mensch ist bereit zu arbeiten, wenn er keinen Lohn mehr verdient." (Bauer vom Napfgebiet).
Zeichnung: S. Vananderoye

"Kein Mensch ist bereit zu arbeiten, wenn er keinen Lohn mehr verdient", meinte ein Bauer vom Napf an einer Tagung zur Zukunft des Waldes im Berggebiet (Abb. 1), und die Bäuerinnen und Bauern aus anderen Landesteilen werden ihrem Luzerner Kollegen kaum widersprechen. Auf den ersten Blick erscheinen also die Hintergründe recht einfach. Dennoch gibt es viele offene Fragen, zum Beispiel:

  • Wie lassen sich die grossen räumlichen Unterschiede der natürlichen Wiederbewaldung erklären (Abb. 2)?
  • In welchem Ausmass und in welchen Gebieten wird sie in Zukunft weitergehen?
  • Liegt der Höhepunkt der Waldflächenzunahme bereits hinter uns oder etwa noch vor uns?
  • Wie beeinflusst die Landwirtschaftspolitik, insbesondere die agrarpolitischen Direktzahlungen, diese Entwicklung?

Ökonomie und Vegetationsdynamik

Ziel des Forschungsprojektes "Waldausdehnung im Schweizer Alpenraum" (WaSAlp), das 2005 abgeschlossen wurde, war die quantitative Analyse der Waldflächenzunahme im Schweizer Berggebiet unterhalb der Waldgrenze: Gibt es typische räumliche und zeitliche Muster der natürlichen Wiederbewaldung, und wie können diese erklärt werden?

Die von uns erstellten räumlichen statistischen Modelle untersuchen die Abhängigkeit der natürlichen Wiederbewaldung von verschiedenen naturräumlichen und sozio-ökonomischen Variablen. Ein Beispiel für eine solche Abhängigkeit ist, dass mit steigender Höhe über Meer der Anteil überwachsener landwirtschaftlicher Flächen zunimmt. Dasselbe gilt für den Zusammenhang zwischen Hangneigung und Waldflächenzunahme.

So trivial diese Zusammenhänge auf den ersten Blick erscheinen mögen, im Einzelfall müssen sie keineswegs zutreffen. Die zwei Regionen Malcantone und Valli di Lugano beispielsweise zeigen einen hohen Anteil wiederbewaldeter landwirtschaftlicher Flächen und das, obwohl diese Flächen im Durchschnitt nicht besonders steil sind und zudem in den tieferen Lagen des Berggebietes liegen.

wiederbewaldete Landwirtschaftsflächen
Abb. 2 - Anteil der Landwirtschaftsflächen unterhalb der Waldgrenze, die zwischen 1985 und 1997 gemäss Arealstatistik eingewachsen sind. Abgrenzung des Untersuchungsgebietes nach Berggebietsregionen gemäss Investitionshilfegesetz (IHG). Daten: Bundesamt für Statistik BFS
 

Moderne Modelle zur Erklärung der räumlichen Unterschiede der Waldausdehnung basieren auf zwei Grundannahmen:

  1. Erstens auf der ökonomischen Annahme, dass sich der Mensch aus der Landnutzung zurückzieht, wenn der Bewirtschaftungsaufwand längerfristig nicht mehr durch den Ertrag gedeckt wird.
  2. Zweitens auf der naturwissenschaftlichen Annahme, dass die Vegetationsdynamik und schliesslich die Verwaldung auf aufgegebenen Flächen je nach naturräumlichem Standort unterschiedlich sind.

Unsere ökonomisch-ökologischen Modelle integrieren deshalb Variablen, die einen möglichst konkreten Bezug zum Ertrag, zum Bewirtschaftungsaufwand oder zur Vegetationsdynamik haben. Für jede Variable wurde eine Hypothese formuliert, zum Beispiel: Je besser die ausserlandwirtschaftlichen Erwerbsmöglichkeiten, desto höher die sogenannten Opportunitätskosten der landwirtschaftlichen Arbeit, desto grösser die Wahrscheinlichkeit, dass die Waldfläche zunimmt. Oder: Je länger die Vegetationsdauer, desto höher der Ertrag, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass die Waldfläche zunimmt.

Von den Tücken der quantitativen Modellierung

Der Wald rückt vor
Der Wald rückt vor
Abb. 3 - Der Wald rückt vor: ehemals landwirtschaftlich genutzte Wiesen und Weiden wachsen langsam ein.
Fotos: G. Rutherford / WaSAlp

Hier beginnen auch schon die Probleme, denn der Zusammenhang zwischen den erklärenden Variablen und der Waldflächenzunahme ist oft nicht eindeutig. So bremst zwar eine lange Vegetationsdauer – als Näherungsvariable für den Ertrag – das Aufgeben der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung, gleichzeitig beschleunigt sie aber – als Näherungsvariable für die Geschwindigkeit der Vegetationsdynamik – das Aufkommen des Waldes.

Hinzu kommt, dass die erklärenden Variablen in unterschiedlichen räumlichen Skalen vorliegen: Naturräumliche Variablen sind meist für jede Hektare der Schweiz oder in sogar noch kleinerer Auflösung vorhanden, sozio-ökonomische Variablen dagegen stehen bestenfalls auf Ebene Gemeinde zur Verfügung.

Eine weitere grundsätzliche Schwierigkeit besteht darin, dass es in der Ursache-Wirkungskette zwei Arten von Reaktionsverzögerungen gibt:

  1. Reaktionsverzögerung zwischen den tieferliegenden Ursachen der Bewirtschaftungsaufgabe und der effektiven Bewirtschaftungsaufgabe: Eine im Vergleich zur übrigen Bevölkerung ungünstige Einkommensentwicklung in der Landwirtschaft führt oft erst viele Jahre später, nämlich wenn die nächste Generation den Betrieb übernimmt, zu einer Nutzungsänderung.
  2. Reaktionsverzögerung zwischen der Bewirtschaftungsaufgabe und der Feststellung eines Waldbestandes: Es kann Jahrzehnte dauern, bis auf einer aufgegebenen Landwirtschaftsfläche tatsächlich ein Wald steht.

Es besteht eine ausgesprochene Asymmetrie bei der Verfügbarkeit sozio-ökonomischer und naturräumlicher Variablen. Die sozio-ökonomischen Ursachen als die eigentlichen treibenden Kräfte der Waldflächenzunahme sind sehr schwierig zu erfassen. So gibt es zum Beispiel nur indirekte Näherungsvariablen, um den Anstieg der Opportunitätskosten für die landwirtschaftliche Arbeit (das sind die entgangenen Erwerbseinkünfte, wenn die Arbeit im Landwirtschaftsbetrieb anstatt in einer ausserlandwirtschaftlichen Erwerbstätigkeit eingesetzt wird ) im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte zu messen.

Besser erfassbar sind naturräumliche Variablen (Topographie, Klima, etc.), die im Allgemeinen keinen oder nur schwachen Änderungen unterworfen sind. Die direkte Modellierung der tieferliegenden sozio-ökonomischen Ursachen der Waldflächenzunahme im Berggebiet ist damit praktisch unmöglich. Denn es kann sein, dass eine Fläche, die zwischen 1985 und 1997 zu Wald wurde, bereits in den 1970er-Jahren aufgegeben wurde, und die treibenden Kräfte dafür sogar noch weiter zurückliegen, zum Beispiel in den 1950er-Jahren, als in der Schweiz der grosse Wirtschaftsaufschwung einsetzte.

Da gute Näherungsvariablen für die sozio-ökonomischen Ursachen nur begrenzt zur Verfügung stehen, tragen in den bisherigen Modellen vor allem die naturräumlichen aufwands- und ertragsbezogenen Variablen viel zur quantitativen Erklärung der natürlichen Wiederbewaldung bei. Die Waldausdehnung ist erwartungsgemäss grösser auf ertragsschwachen und arbeitsaufwendigen Standorten.

Der Wald wächst mit dem Wohlstand

Trotz der guten naturräumlichen Daten und der bestmöglichen statistischen Modelle kann die Waldausdehnung bislang nur bedingt berggebietsweit kleinräumig modelliert werden. Die entsprechenden Erklärungslücken gehen auf Defizite bei den sozio-ökonomischen Daten zurück, die zur Abbildung der tieferliegenden Ursachen und treibenden Kräfte nötig wären.

Theoretische Überlegungen, historische Daten und der Vergleich mit Studien im Ausland legen jedoch den Schluss nahe, dass die natürliche Wiederbewaldung als Ausdruck einer tiefgreifenden Veränderung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der Schweiz in den letzten 150 Jahren interpretiert werden muss.

Früher war die Berglandwirtschaft weitgehend eine Subsistenzwirtschaft, und die Bewirtschaftung von Grenzertragslagen war eine Frage des Überlebens. Nahrungsmittel und Energie, Dünger und andere Hilfsmittel waren knapp oder gar nicht vorhanden. Billige Arbeitskräfte gab es hingegen im Überfluss. Heute ist es genau umgekehrt: Nahrungsmittel sind nicht mehr knapp, Energie und Hilfsmittel sind vergleichsweise billig und die Arbeit ist teuer geworden. Da Einkommensalternativen und der allgemeine Wohlstand stark zugenommen haben, ist die aufwendige Bewirtschaftung unwirtlicher Lagen nicht mehr überlebensnotwendig.

Auch der drastische Rückgang der Ziegenbestände ist Ausdruck dieser Wohlstandsentwicklung (Abb. 4). In der Folge ist nicht nur eine Plage des Försters verschwunden, sondern ebenso ein wirksamer Mechanismus zur Verhinderung des Einwachsens extensiv genutzter Flächen. Die Ziege galt früher als die Kuh des armen Mannes. Hat die Kuh des armen Mannes im 21. Jahrhundert ausgedient?

Entwicklung des Ziegenbestands
Abb. 4 -  Die Waldfläche ist gewachsen, die Ziegenbestände haben abgenommen.
Daten: Bundesamt für Statistik BFS
 

Es ist das Ergebnis der Agrarpolitik, dass in der Schweiz immer noch vergleichsweise viele Grenzertragslagen bewirtschaftet werden. Besonders mit der Neuorientierung der Agrarpolitik anfangs der 1990er-Jahre wurden die finanziellen Anreize zur Aufrechterhaltung einer minimalen Bewirtschaftung massiv ausgebaut. Da die Wiederbewaldung aber hauptsächlich auf Weideflächen in hohen Lagen (Alpflächen, Maiensässe) stattfindet, ist von der neuen Agrarpolitik, die sich auf die Bewirtschaftung der Landwirtschaftlichen Nutzflächen (das heisst ohne Sömmerungsweiden) konzentriert, allerdings keine deutliche Verzögerung der Wiederbewaldung zu erwarten.

Eine vorsichtige Prognose darf gewagt werden: Sofern der Wohlstand in der Schweiz nicht gravierend sinkt, wird die Waldfläche – gebremst durch die agrarpolitischen Direktzahlungen – weiter zunehmen. Wo diese natürliche Entwicklung unerwünscht ist, sind zusätzliche politische Strategien und Massnahmen unerlässlich.

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