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Artikel

Autor(en): Volker Otte, Ingmar Landeck
Redaktion: LFE, Deutschland
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Wo in der Lausitz junge Bäume lange Bärte tragen

Bartflechte der Gattung Usnea
Sie sind wieder da: Bartflechte der Gattung Usnea in einem Lärchenbestand in der Lausitz (Brandenburg)
Alle Fotos: Landeck

In einem 25 Jahre alten Lärchenbestand in der Niederlausitzer Bergbaufolgelandschaft wurde Nephromopsis laureri erstmals für das mitteleuropäische Tiefland nachgewiesen. Das Gebiet unterlag im 20. Jahrhundert extremen industriellen Schadstoffimmissionen; die Wiederansiedlung epiphytischer Flechten ist seit etwa 10-15 Jahren zu beobachten. Das Vorkommen kann als westlicher Vorposten des Tieflandareals einer kontinentalen Art in einem Gebiet mit kontinentalem Klimarhythmus gewertet werden, in dem die Art durch Lärche als Substrat begünstigt worden sein mag.

Noch in den 1990er Jahren war in der Niederlausitz infolge hoher Schadstoffeinträge, die neben den SO2-Immissionen auch aus erheblichen Staubdepositionen bestanden, die immissionsbedingte Verarmung der Epiphytenflora noch deutlich zu bemerken (Otte 2002). Südlich des Baruther Urstromtals waren fast nur junge Exemplare vorhanden, die im Wesentlichen zu zwei Arten gehörten. Weitere Arten waren nur sehr vereinzelt anzutreffen. Aufgrund der vergleichsweise geringen Belastung mit ammoniakalischen Substanzen aus der Landwirtschaft war jedoch bereits damals die Erwartung geäußert worden, dass das Gebiet für die Wiederansiedlung deutschlandweit bedrohter Flechtenarten einige Bedeutung gewinnen könne. Eine zunehmende Zahl von Beobachtungen scheint dies seither zu bestätigen (z. B. Otte 2008, Otte 2011, Otte et al. 2006, Otte und Rätzel 2008). Hierzu gehört auch die Auffindung des nachstehend zu schildernden epiphytenreichen Forstbestandes.

Standort und klimatische Bedingungen

Naturräumlich befindet sich der untersuchte Forstbestand im Bereich der Niederlausitzer Randhügel (Scholz 1962), die in besonderem Maße von bergbaulicher Überformung betroffen sind. Es handelt sich um einen etwa 3,2 ha großen, im Jahre 1987 angelegten (DSW2 2012), zum Untersuchungszeitpunkt 25 Jahre alten Lärchenbestand (Larix decidua MILL.) auf einer ehemaligen Kippe des Braunkohlebergbaues nahe Senftenberg (Landkreis Oberspreewald-Lausitz, Hochkippe Schipkau). Bestockungsgrad und Wüchsigkeit der Bäume sind heterogen. Infolge von Wuchsdepressionen bzw. lokalen Absterbens von Bäumen ist der Bestand stellenweise lückig.

Die Jahresniederschlagssumme beträgt rund 600 mm und ist damit deutlich höher als in Mittelbrandenburg (Gerstengarbe et al. 2003). Das Niederschlagsmaximum liegt im Sommer, wobei in den Monaten Juni bis August mit über 200 mm mehr als ein Drittel des Jahresniederschlags fällt. Die mittlere Januartemperatur des langjährigen Mittels liegt bei -0,8 °C, die mittlere Julitemperatur bei 18,3 °C (www.worldclim.org; Hijmans et al. 2005). Für die jüngste Zeit, in die auch die Ansiedlung der Flechten fällt, ergaben Berechnungen am Forschungsinstitut für Bergbaufolgelandschaften (Datengrundlage: Deutscher Wetterdienst) allerdings im Einklang mit dem großräumig zu beobachtenden Trend einen Anstieg der Wintertemperaturen in der Region. Ebenso gibt es bei den Niederschlägen in der Region in jüngerer Zeit eine Verschiebung in Richtung des Winterhalbjahrs (Lasch et al. 2009).

Flechtenflora

Bereits zur Jahrtausendwende hatte sich auf den abgestorbenen unteren Zweigen ein Flechtenbewuchs aus wenigen, anspruchslosen Arten entwickelt. Zu diesem Zeitpunkt konnten noch keine Bartflechten beobachtet werden.

Lärchenbestand mit Flechtenbewuchs auf den unteren, überwiegend abgestorbenen Astbereichen
Abb. 1: Lärchenbestand mit Flechtenbewuchs auf den unteren, überwiegend abgestorbenen Astbereichen
Bartflechte der Gattung Usnea
Abb. 2: Bartflechte der Gattung Usnea


Zweig mit artenreichem Flechtenbewuchs (Hypogymnia, Bryoria, Tuckermannopsis chlorophylla)
Abb. 3: Zweig mit artenreichem Flechtenbewuchs (Hypogymnia, Bryoria, Tuckermannopsis chlorophylla)


Bartflechte der Gattung Usnea zwischen Kurztrieben
Abb. 4: Bartflechte der Gattung Usnea zwischen Kurztrieben


Erste Beobachtungen von üppigem Bartflechtenbewuchs stammen aus den Jahren 2005/2006. Während der jüngsten Untersuchungen im Jahr 2011 wurden schließlich über 40 epiphytische Flechtenarten nachgewiesen. Der Flechtenbewuchs konzentrierte sich dabei auf die unteren, überwiegend abgestorbenen Astbereiche bis in 2,5 m Höhe über dem Boden (Abbildungen 1 bis 4).

Es erscheint nicht unberechtigt, die Beobachtungen als Bestätigung der eingangs zitierten These von einer wachsenden Bedeutung der nährstoffarmen Niederlausitz für die Wiederansiedlung überregional gefährdeter Epiphyten anzusehen. Trotz dem allgemeinen massiven Rückgang der industriellen Luftbelastung in Mitteleuropa ist eine bestimmte Gruppe epiphytischer Flechten auch nach der jüngst erschienenen neuen Ausgabe der Roten Liste der Flechten Deutschlands (Wirth et al. 2011) weiterhin hochgradig gefährdet, nämlich insbesondere Arten von Bartflechtengesellschaften (Usneion barbatae Ochsn., vgl. Müller & Otte 2008), wie sie hier im untersuchten Lärchenbestand bei Senftenberg beobachtet werden konnten. Immerhin beherbergt dieser Bestand nach Wirth et al. (2011) in hohem Maße deutschlandweit gefährdete Arten. Insgesamt wurden acht stark gefährdete und vier vom Aussterben bedrohte Baum bewohnende Flechtenarten nachgewiesen (Tab. 1).

Unter diesen sind Evernia mesomorpha, Usnea lapponica und auch U. glabrescens in vergleichbaren Lärchenbeständen der Niederlausitz bereits in den vergangenen Jahren einige Male gefunden worden (Otte et al. 2006, Otte & Rätzel 2008). Nephromopsis laureri war dagegen bis in die jüngste Zeit hinein in Deutschland überhaupt nur aus dem Alpengebiet und dem Südschwarzwald bekannt (Wirth et al. 2013). Erst unlängst ist die Art auch im Thüringer Wald beobachtet worden (Meinunger 2011). Hiermit liegt nunmehr der erster Tieflandsnachweis dieser sonst in Mitteleuropa montan-hochmontan (Wirth et al. 2013) verbreiteten Art vor. In diesem Zusammenhang ist der kontinentale Klimarhythmus des Gebietes mit seinem sommerlichen Niederschlagsmaximum in Rechnung zu stellen. Das Erscheinen der Art ist also kaum dem laufenden Klimawandel zuzurechnen; eher ist das Gebiet – ungeachtet der Tendenz zu stärker ozeanischen Verhältnissen – als "noch" geeignet anzusehen.

Nicht übersehen werden sollte auch eine mögliche Förderung durch das günstige Lichtklima junger Lärchenbestände (Kronenarchitektur, herbstlicher Nadelabwurf). Sicherlich bieten aber auch die an den toten Zweigen verbleibenden Kurztriebe und Zapfen günstige Ansiedlungsmöglichkeiten. Für die russischen Vorkommen der Art Nephromopsis laureri gibt beispielsweise Golubkova (1988) ebenfalls in erster Linie Lärche als Substrat an. Luftfeuchtigkeit stellt einen weiteren wichtigen Faktor bei der Besiedlung von Bäumen mit epiphytischen Flechten dar. Die Vitalität der Bäume wird dabei durch den üppigen Flechtenbewuchs nicht negativ beeinflusst. Gut wüchsige Lärchenbestände wachsen in der Regel innerhalb weniger Jahrzehnte aus dem Stadium heraus, bei dem im unteren Ast- und Stammbereich optimale Lebensbedingungen für Flechten herrschen. Die Standortbedingungen, wie sie auf für Lärchen ungünstigen Kippenstandorten herrschen, könnten allerdings für eine besonders lange "Flechten-Phase" sorgen.

Lärchenbestände ähnlicher Ausprägung sind somit als Trittsteine bei Wiederbesiedlung unserer Landschaft durch Baum bewohnende Flechten insbesondere im Tiefland von großer Bedeutung. Es erscheint daher notwendig, die weitere Entwicklung dieser Epiphytenbestände in der Niederlausitz als auch darüber hinaus unter Berücksichtigung oben angeführter Erkenntnisse genau zu dokumentieren und zu analysieren. Die starke bergbauliche Überformung des hier untersuchten Gebietes, mit einer völlig neugeschaffenen Landschaft auf Kippensubstrat, mag dabei stellenweise Eigenheiten bedingen, die nicht in allen Fällen der ursprünglichen Vegetation entsprechen. Der Ausbildung von Habitaten für überregional gefährdete Epiphyten steht das offensichtlich nicht im Wege.

Tab. 1: Deutschlandweit in hohem Maße gefährdete Flechtenarten des Schipkauer Lärchenbestandes
Deutschlandweit in hohem Maße gefährdete Flechtenarten des Schipkauer Lärchenbestandes

Originalartikel

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