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Artikel

Autor(en): Johannes Bradtka
Redaktion: LWF, Deutschland
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Im Wirtschaftswald kaum noch epiphytische Flechten

Kelchflechte
Abb. 1: Die Kelchflechte (Calicium adspersum) lebt in Borkenrissen sehr alter Eichen in lichten naturnahen Eichen-Hainbuchenwäldern. Die Flechte mit ihren 1 mm hohen Fruchtkörpern ist nur noch selten in unseren bewirtschafteten Wäldern zu finden (Foto: U. Kirschbaum).

Jede zehnte in Deutschland vorkommende Flechtenart ist zu ihrem Überleben auf natürliche oder naturnahe Waldökosysteme mit alten, zerfallenden Bäumen und Totholz angewiesen. Viele dieser epiphytisch ("auf anderen Pflanzen aufsitzend") in Wäldern lebenden Arten sind stark gefährdet. Eine Erhöhung der Strukturvielfalt in unseren Wirtschaftswäldern soll ihr Überleben sichern.

Flechten sind keine individuellen Organismen als solche, sondern eine Symbiose von Pilz und Alge. Der Pilz schützt die Flechte vor Austrocknung, Frost und schädlicher UV-Strahlung. Die Alge versorgt den Gesamtorganismus mit Kohlenhydraten, die der Pilz in Zucker und Alkohol umwandelt. Wasser und Mineralien nimmt die Flechte passiv über ihre Oberfläche in Form von Regen, Tau oder Wasserdampf auf. Flechten pflanzen sich entweder vegetativ über das Abbrechen von Teilen oder generativ über Diasporen fort.

Indikatoren für Naturnähe

Das Spektrum von Flechtenlebensräumen ist sehr vielfältig. Sie leben überall dort, wo sie keiner Konkurrenz durch höhere Vegetation ausgesetzt sind: Auf Felsflächen, auf nicht eutrophierten, d.h. mageren Böden und epiphytisch an der Rinde oder auf dem Holz von Bäumen. Von den ca. 1.700 in Deutschland vorkommenden Flechten wachsen 448 Arten auf Bäumen. Rund ein Drittel davon benötigen essenziell alte Bäume oder Totholz als Unterlage. Viele sind in ihrem Bestand besonders bedroht.

Eine Reihe dieser bundesweit stark gefährdeten Arten lassen sich nur in historisch alten, schonend bewirtschafteten Waldbeständen nachweisen und gelten somit als Indikator für Naturnähe und Bestandeskontinuität. Als Beispiel hierfür sind die Flechtengattungen Calicium, Chaenotheca und Chaenothecopsis zu nennen. Diese Kelchflechten mit ihren stecknadelförmigen Fruchtkörpern besiedeln je nach Art tiefe Borkenrisse sehr alter Eichen in naturnahen Eichen-Hainbuchenwäldern (Abb. 1) oder stehendes Totholz, Baumstümpfe und absterbende Altbäume in unterschiedlichen Waldgesellschaften.

Das Vorhandensein von Alt- und Totholz erhöht signifikant die Substratvielfalt. Unterschiedliche Alters- und Zersetzungsstadien der Borke und des Holzes sowie die damit verbundenen variablen chemischen und physikalischen Eigenschaften bieten Lebensraum für eine große Zahl gefährdeter Flechtenarten, die speziell auf diese Mikro- und Makrohabitate angewiesen sind.

Dramatischer Rückgang

Blattflechte Lobaria virens
Abb. 2: Lobaria virens - in der BRD seit Mitte des 20. Jahrhunderts ausgestorben. Diese Blattflechte ist auf sehr alte, zerfallende Laubbäume in luftfeuchten, schattigen und schonend bewirtschafteten Wäldern angewiesen (Foto: U. Kirschbaum).

Neben den lufthygienischen Belastungen der letzten Jahrzehnte trugen Kahlschläge, die Umwandlung naturnaher Misch- und Laubwaldgesellschaften in Nadelholzreinbestände sowie intensive Erschließung mit Forststraßen und Rückewegen und Entwässerungsmaßnahmen zu einer deutlichen Dezimierung der Flechtenflora bei. Ein wesentlicher Punkt besteht jedoch auch in der Verringerung der Umtriebszeiten und somit im Verlust alter, in der Zerfallsphase befindlicher Bäume. Diese für Urwälder typische Phase mit einem höheren Totholzanteil fehlt in Wirtschaftswäldern meistens. In intensiv bewirtschafteten Forsten ist die Alterungsphase um über 150 Jahre kürzer als in Naturwäldern. Dies hindert viele spezialisierte Flechtenarten an einer erfolgreichen Besiedelung und einer generativen oder vegetativen Fortpflanzung.

Ohne Schutz keine Chance

Innerhalb des Pflanzenreiches sind Flechten stark gefährdet. Rund zwei Drittel aller Arten kämpfen deutschlandweit um ihr Überleben. Um die gefährdeten Flechtengesellschaften zu sichern und zu erhalten und somit auch die Biodiversität in unseren Wirtschaftswäldern zu erhöhen, werden folgende Minimalforderungen aufgestellt:

  • Belassen von starkem stehenden und liegenden Totholz;
  • Erhalt und natürlicher Zerfall von Biotopbäumen und Altholzinseln im Wirtschaftswald;
  • Schutz von alten, freistehenden Einzelbäumen, auch außerhalb des Waldes;
  • teilweise Verlängerung der Umtriebszeiten;
  • naturnahe Waldbewirtschaftung;
  • großflächige Biotopvernetzung zum Erhalt und zur Ausbreitung isolierter Flechtenarten.

Literatur

Auf Anfrage beim Verfasser.

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