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Artikel

Autor(en): Beatrice Senn-Irlet
Redaktion: WSL, Schweiz
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Der Leuchtende Weichporling – eine Pilzart auf dem Vormarsch?

In den letzten Jahren ist in verschiedenen Wäldern der Schweiz ein auffallender orangefarbener Pilz an Holz gefunden worden, der Leuchtende Weichporling (Pycnoporellus fulgens). Handelt es sich bei diesem Pilz um eine für die Schweiz neue oder gar um eine invasive Art?

Leuchtender Weichporling (Pycnoporellus fulgens)
Abb. 1 - Detailaufnahme eines frischen Fruchtkörpers mit fast zerschlitzten Poren.
Foto: Beatrice Senn-Irlet (WSL)
 

Forschende der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL speichern Meldungen aller einheimischen Pilzarten im Rahmen einer nationalen Pilzkartierung in der zentralen Datenbank "Fungus". Die darin enthaltenen Daten bilden die Basis für die Erstellung einer nationalen Roten Liste der gefährdeten Pilzarten. In der Pilzdatenbank sind rund 530'000 gemeldete Pilzfunde gespeichert (Stand: 2014), die hauptsächlich von Grosspilzen stammen, von Röhrlingen, Lamellenpilzen und Porlingen.

Vom Leuchtenden Weichporling sind in der Schweiz über 200 Funde bekannt (Stand: 2014), genug, um der eingangs gestellten Frage nachzugehen. Darüber hinaus wurde in Literaturangaben und im Internet nach weiteren Informationen zu diesem Pilz gesucht. Mit der Suchmaschine Google beispielsweise liessen sich zahlreiche Einträge zu dieser Art finden.

Eine auffällige Pilzart

Pycnoporellus fulgens (Fr.) Donk 1971, wie der Leuchtende Weichporling mit wissenschaftlichem Namen heisst, fällt im Wald als orange-roter Farbklecks auf. Der auch als Leuchtender Weichporenschwamm, Leuchtender Orangeporling oder oranger Nadelholz-Porling bekannte Pilz lässt sich also kaum übersehen. Die zur Gattung der Porlinge (Polyporaceae) gehörende Art findet man nur an totem Holz. Wie viele Porlinge wächst sie konsole-ähnlich, wobei einzelne Fruchtkörper hutähnlich, mehrere beieinander auch wie Dachziegel aneinander wachsen können.

Die aus einer feinen, filzigen Oberfläche bestehenden Hüte können einen Radius von bis zu 10 cm erreichen; im frischen Zustand sind die sehr weichen Fruchtkörper 0,5–3 cm breit. Die Poren auf der Unterseite sind gelb-ocker bis ziegelrot, weisen eckige Zähnchen auf, teilweise sogar deutliche kleine Schlitze (Abb. 1). Alte Exemplare sind meist von Käferlarven zerfressen und im trockenen Zustand zerbrechen sie leicht. Der Leuchtende Weichporling lässt sich bestenfalls mit der Zinnobertramete (Pycnoporus cinnabarinus) verwechseln, wobei letztere aber nur an totem Laubholz vorkommt, das in offenen Lagen (Waldlichtungen, Waldränder, Weiden) liegt. Ein sicheres Unterscheidungsmerkmal bietet ein einfacher chemischer Test: Etwas Kalilauge (KOH, z. B. 5%) auf den Pilz getropft verfärbt die Zinnobertramete schwarz, der Leuchtende Weichporling hingegen wird rot.

Ökologie und Verbreitung

Die Pilzart kommt primär an Nadelbäumen (Abies, Picea, Pinus), seltener an Laubbäumen (Alnus, Betula, Populus) vor und gilt als selten. Aus Skandinavien und dem Norden Russlands ist bekannt, dass der Pilz oft an Baumstämmen gefunden wird, die zuvor schon vom Rotrandigen Baumschwamm (Fomitopsis pinicola) besiedelt wurden, einem der häufigsten Porlinge an Nadelholz in Schweizer Wäldern.

Der Leuchtende Weichporling scheint grobes Totholz mit einigermassen fester Struktur zu bevorzugen und besiedelt vorzugsweise liegende Stämme. Er verursacht Braunfäule, baut also Zellulose ab, und ist charakteristisch für die ersten und mittleren Stadien der Vermorschung. Bis in die Mitte der 80er-Jahre war der Pilz lediglich in Österreich, der Tschechoslowakei, Estland, Lettland, Polen, Schweden und Finnland bekannt, lebte also in einem skandinavisch-osteuropäischen Areal in der boreal-temperaten Zone. Im Internet finden man Angaben zu neueren Funden aus Frankreich (St Gervais, auf Abies pectinata), Süddeutschland, Thüringen (an Fichte), Dänemark (an Fichte), Norwegen, Schweden, Finnland, Kanada (Québec), USA, Sibirien (an Lärche) und Nordost-China. Eine allmähliche Ausbreitung innerhalb von Europa von Nordosten nach Südwesten wird bereits seit den 80er-Jahren diskutiert.

Weichporlinge an Buchenstamm  
Abb. 2 - Typischer Standort des Leuchtenden Weichporlings an einem liegenden Buchenstamm, zusammen mit dem Rotrandigen Baumschwamm. Foto: G. Martinelli  
   

Überall galt die Art bis vor kurzem als selten. In Skandinavien ist sie vor allem aus vorwiegend alten, feuchten Naturwäldern bekannt, in denen es viel grobes Totholz gibt, wie zum Beispiel an den Rändern von Sumpfwäldern und Mooren, die bisher kaum vom Menschen gestört wurden. Wegen ihrer Seltenheit steht die Art in Norwegen und Schweden auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Die moderne, intensive Forstwirtschaft wird als Bedrohung für den Pilz in seinem Bestand eingestuft, weil zuwenig grobes Totholz im Wald liegen gelassen wird.

Neue Fundorte in der Schweiz

Die Fundorte im Schweizerischen Mittelland oder im Jura liegen grösstenteils zwischen 400 und 700 m Meereshöhe. Aus den Voralpen liegen erst wenige und aus der Südschweiz (noch) fast keine Nachweise vor. Ein Fund aus Zernez/GR ist in zweifacher Hinsicht aussergewöhnlich: Er markiert einer der höchst gelegenen Fundpunkte mit 1460 m, und es ist der einzige Fundnachweis vor 1970. Die bekannten Fundorte (Abb. 3) zeigen ein aktuelles Verbreitungsgebiet, welches hauptsächlich das Schweizerische Mittelland und den Jura umfasst.

Verbreitungskarte  
Abb. 3 - Die Ausbreitung des Leuchtenden Weichporlings (Pycnoporellus fulgens) in der Schweiz. Stand: Mai 2014.
 

Der Leuchtende Weichporling lebt in der Schweiz vor allem in Buchen-Tannen-Fichten-Mischwäldern, Buchen-Tannenwäldern oder reinen Nadelwäldern. Die Mehrheit der Funde stammt zwar von Nadelholz, insbesondere Fichte und Tanne, doch auch auf Buchenholz wurde der Pilz schon beobachtet. Auch in der Schweiz besiedelt der Pilz Holz, das bereits vom Rotrandigen Baumschwamm (Fomitopsis pinicola) besiedelt wurde. In mindestens drei Fällen fruchteten diese zwei Pilzarten in unmittelbarer Nähe am gleichen Stamm.

Gemäss der vorliegenden Meldungen besiedelt der Pilz vor allem liegende Stämme oder Stümpfe, also durchwegs Grobholz. Die Aussage, dass der Pilz an alte Wälder gebunden ist, kann für die Schweiz nicht bestätigt werden. Es scheint sogar so zu sein, dass er in Sturmflächen, insbesondere in denjenigen des Sturms "Lothar", vermehrt auftritt. Dort profitiert er von dem vielen groben Totholz, eine Substratklasse, die in forstwirtschaftlich stark genutzten Wäldern rar ist. Ein Fund aus Grenchen stammt sogar von verbautem Holz: die auffälligen Fruchtkörper wuchsen an einer Bank aus Massivholz.

Handelt es sich beim Leuchtenden Weichporling nun um eine neu eingewanderte Art, einen so genannten Neomyceten? Eher nicht, denn der Pilz wurde bereits 1852 vom schwedischen Mykologen Elias Fries aufgrund einer schwedischen Aufsammlung beschrieben und in Nordeuropa immer an Standorten beobachtet, die für die Etablierung neu eingewanderter, gar invasiver Arten als wenig gefährdet gelten.

Folgerungen

Klar scheint, dass der Pilz in den letzten Jahren häufiger geworden ist (Abb. 4). Betrachten wir die Lage der Fundnachweise nach dem Jahr 1991 (Abb. 3), so ist eine Ausbreitung der Art augenfällig. Allein 2004 wurden zwölf verschiedene, neue Fundorte gemeldet. Stark zugenommen hat auch die Zahl derjenigen Menschen, die diesen Pilz beobachteten. Stammen alle Daten aus den 70er-Jahren von einem einzigen Pilzkenner, so meldeten ganz unterschiedlichen Pilzbeobachter aus der West- und Deutschschweiz die jüngsten Funde. Dies weist darauf hin, dass der Pilz wirklich auffällig und leicht zu identifizieren ist und häufiger vorkommt als früher.

Fundmeldungen  
Abb. 4 - Fundbeobachtungen des Leuchtenden Weichporlings (Pycnoporellus fulgens) in der Schweiz, von 1950 bis 2014.  

Analysieren wir nur die Funddaten unabhängig von der räumlichen Lage, so ist es nicht ganz so offensichtlich, dass der Pilz häufiger geworden ist. Denn aus früheren Jahren sind viel weniger Pilzfunde gespeichert als aus den letzten Jahren, in denen sich die Mitarbeit an der Pilzkartierung unter Pilzfreunden durchsetzte. Man kann dieses Ungleichgewicht im Datensatz ausgleichen, indem der prozentuale Anteil einer bestimmten Art am gesamten Datensatz angeschaut wird. Von Pycnoporellus fulgens ist dieser beim Datensatz aller Funddaten vor 1990 resp. nach 1990 nahezu gleich.

Erst wenn das Jahr 2000 als Stichjahr eines Zeitvergleichs genommen wird, fällt Pycnoporellus fulgens als deutlich zunehmende Art auf. Der zeitliche Zusammenhang mit dem Lothar-Ereignis, bei dem schweizweit etwa 15% des geworfenen Holzes im Wald verblieb, scheint augenfällig, ist aber statistisch nicht abgesichert. Als sichere Ursache für dieses vermehrte Auftreten darf die Zunahme von Grobholz in unseren Wäldern vermutet werden. Diese Pilzart würde somit die Forderung vieler Naturschutzkreise nach mehr grobem Totholz in unseren Wäldern unterstreichen.

Für die Ausbreitung kämen eventuell auch klimatische Faktoren in Frage. Allerdings hat sich der Pilz offensichtlich von Norden resp. Nordosten her nach Südwesten ausgebreitet, was eher gegen diese Annahme spricht. Als Pilzart, die in einer insgesamt kühleren und kontinentaleren Klimazone als der unsrigen beheimatet ist, hätte sie sich eher in Richtung Norden zurückziehen müssen. Denn die letzten Jahre bzw. Jahrzehnte zeigten allgemein höhere Durchschnittstemperaturen und zahlreiche milde Winter, was nicht dem typisch kontinentalen Klimacharakter entspricht, in dem der Pilz seine bisherige natürliche Heimat hatte.

Unbeantwortet ist auch die Frage, woher die neu etablierten Populationen stammen. Der Nachweis aus den 50er- Jahren zeigt, dass die Art im Alpenraum latent vorhanden war, ob immer oder nur sporadisch bleibt unklar. Könnte nachgewiesen werden, dass die neuen Populationen alle von der inneralpinen Population abstammen, müssten wohl klimatische Faktoren für die Ausbreitung verantwortlich sein. Stammen die neuen Populationen aber aus anderen "Genpools", so wäre es möglich, dass der Pilz aus dem nordosteuropäischen Raum (Polen?) in die Schweiz gekommen ist. Der vermehrte Holzimport der letzten Jahre aus Osteuropa käme ebenfalls als Vektor in Frage. Der Fund an der Holzbank in Grenchen zeigt, dass der Pilz sich ja auch an geschnittenem oder verbautem Holz etablieren kann.

Dehnen auch andere Holzpilze ihr Areal aus oder ist der Leuchtende Weichporling diesbezüglich eine Ausnahme? Um Fragen wie diese beantworten zu können, braucht es eine nationale Datenbank, die langfristig angelegt ist. Das hier erläuterte Beispiel zeigt, dass sich mit der Datenbank "Fungus" in der Tat gewisse Aussagen machen lassen. Insbesondere auffällige, invasive Arten können so sehr rasch erfasst und bekannt gemacht werden.

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