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Artikel

Autor(en): Jonas Barandun (externer Autor)
Redaktion: WSL, Schweiz
Kommentare: Artikel hat 1 Kommentar
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Gelbbauchunken in Fahrspuren

Bodenverdichtung ist eine unerwünschte Folge der maschinellen Holzernte. Gelbbauchunken profitieren hingegen von den sich in den Fahrspuren kurzzeitig bildenden Tümpeln. Weil natürliche Gewässer in Flussauen häufig verloren gingen, stellen mit Wasser gefüllte Fahrspuren einen wichtigen Ersatzlebensraum für die gefährdete Unke dar.

Gelbbauchunke (Bombina variegata)
gelb gefleckte Unterseite
Abb. 1 - Die gelb gefleckte Unterseite gab der Unke ihren Namen.
Fotos: Thomas Reich (WSL)

Mit etwas Glück lassen sich Gelbbauchunken in den Wäldern tieferer Lagen beobachten. Man findet sie meist in kleinen Pfützen, periodisch austrocknenden Gewässern oder in den sich durch Bodenverdichtung bildenden Wasserlachen von Fahrspuren.

Beschreibung

Die Gelbbauchunke (Bombina variegata) wird kaum 5 cm gross, hat einen ovalförmigen Körper und eine stark warzige Haut. Mit ihrer lehmbraunen Rückenfärbung ist sie in ihrer typischen Umgebung hervorragend getarnt. Unverwechselbar ist der gelb und schwarz bis bläulich gemusterte Bauch, der eine individuelle Erkennung erlaubt. Nur während der Paarungszeit sind Männchen mit ihren schwarzen Schwielen an Unterarm und Daumen von Weibchen zu unterscheiden. Der Paarungsruf der Männchen ist ein leises, regelmässiges "uh - uh - uh", das sie oft frei auf der Wasseroberfläche schwimmend ausstossen.

Die Eier werden einzeln oder als kleine Klumpen im flachen Wasser an Pflanzen, Zweige oder direkt auf den Gewässerboden geklebt. Meistens sind die Eier oberflächlich getrübt. Die Kaulquappen sind graubraun gefärbt, eiförmig und haben einen gewölbten Schwanz, dessen Ansatz bis zur Rückenmitte reicht. Auffallend ist besonders bei jungen Kaulquappen eine durchsichtige Aussenhaut. Der Flossensaum ist ausserdem mit netzartigen Linien versehen. Zu verwechseln sind ausgewachsene Tiere und Kaulquappen mit der verwandten Geburtshelferkröte.

Verbreitung, Lebensraum

Die Gelbbauchunke ist von den Pyrenäen über Mitteldeutschland und Italien bis nach Griechenland und ans Schwarze Meer verbreitet. Es werden mehrere Unterarten unterschieden. Im Norden und Osten wird sie in tieferen Lagen von der nahe verwandten Rotbauchunke abgelöst. In der Schweiz ist die Gelbbauchunke auf der ganzen Alpennordseite bis gegen 700 m.ü.M. verbreitet. In Einzelfällen wurden Tiere bis auf 1600 m.ü.M. gefunden.

Natürliche Lebensräume der Gelbbauchunke sind Flusstäler, Auen, Riedgebiete, feuchte Wälder und Rutschgebiete. In der Kulturlandschaft besiedelt sie heute vor allem Abbaugebiete sowie Bau- und Deponiegelände mit Feuchtstellen. Früher scheint sie häufig in der Umgebung von Bauernhöfen, auf Weiden sowie an Fahrwegen und Gräben vorgekommen zu sein.

   
Flussaue  
Abb. 2 - Ausgedehnte Auengebiete entlang grösserer Flüsse sind Hauptlebensraum der Gelbbauchunke. Durch die Begradigung der Fliessgewäser ist mit den Auen auch die Unke stark zurückgegangen.
Foto: Thomas Reich (WSL)
 
   

Als Laichgewässer eignen sich warme, flache Kleingewässer. Die Kaulquappen ertragen sehr hohe organische Belastung des Wassers wie auch hohe Temperaturen bis zu 36 °C und sogar kurzfristige Trockenheit. Günstige Laichgewässer führen im Sommer mindestens 3 Monate lang Wasser, trocknen aber jedes Jahr aus oder werden ausgespült. Durch das Austrocknen werden potenzielle Fressfeinde wie Fische und Libellenlarven eliminiert. Die Unke vermeidet kühle, tiefgründige und dauernd wasserführende Weiher, wo ihre Kaulquappen von Feinden aufgefressen werden. Sie geht dafür das Risiko ein, dass die Kaulquappen in einem austrockenden Gewässer sterben. Die Laichgewässer können Regentümpel, stehende Pfützen in Rinnsalen oder gelegentlich ausgespülte Tümpel am Rand von Fliessgewässern sein. Gern werden sonnige, wenig befahrene Radspurtümpel zur Laichablage genutzt.

Landlebensräume müssen ganzjährig genügend Bodenfeuchtigkeit und Verstecke aufweisen. Dazu eignet sich die Streuschicht von Krautfluren, liegendes Holz oder Gras sowie lockerer Waldboden.

Lebensweise

Gelbbauchunken können im Freiland mindestens 15 Jahre alt werden. Eine Population kann demnach mehrere Jahre ohne Fortpflanzung überdauern. Die Geschlechtsreife erreichen die Unken in der Regel nach zwei Überwinterungen. Die Paarungszeit dauert von Ende April bis Anfang August mit einem Höhepunkt im Mai und Juni. Die Männchen halten sich oft längere Zeit im Laichgewässer auf. Weibchen kommen meistens nur nach Regen zur Laichablage ans Wasser. Ein Weibchen legt pro Sommer bis zu 200 Eier, oft aber weniger als 50. Es kann mehrmals im Sommer Eier ablegen. So wird das Risiko verteilt, das die wenigen Nachkommen gefressen werden oder vertrocknen. Die Entwicklung der Kaulquappen dauert ein bis zwei Monate.

Von April bis September sind immer wieder Unken im Wasser anzutreffen. Es findet aber ein ständiger Individuenaustausch statt. Der überwiegende Teil der Tiere hält sich versteckt an Land auf. Unken gelten als wanderfreudig und können neue Lebensräume über mehrere Kilometer hinweg besiedeln. Solche Neubesiedlungen erfolgen weitgehend durch Jungtiere. Alttiere erweisen sich dagegen oft als ausgesprochen ortstreu und können jahrelang an einem Ort ausharren, der für die Fortpflanzung nicht mehr geeignet ist.

Oft sind Gelbbauchunken am Tag im Wasser zu beobachten. Die grösste Aktivität findet aber nachts statt. Die Nahrung der Unken besteht aus allerlei lebenden Kleintieren, die sie am Boden finden. Unken verfügen über ein hochgiftiges Hautsekret, das sie vor Bakterien wie auch vor Fressfeinden schützt. An Land sind besonders Vögel und grosse Laufkäfer gefährliche Feinde. Die Kaulquappen sind eine leichte Beute für Fische, Molche, räuberische Insekten und Vögel.

Gefährdung und Förderung

Die Gelbbauchunke ist in der Schweiz stark gefährdet. Bereits im 19. Jahrhundert haben die grossen Flusskorrektionen zu einem Verlust von Lebensräumen geführt. Dramatisch war der Rückgang von Vorkommen aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg, vor allem seit den 80er Jahren. Die wichtigsten Ursachen für den Verlust von Lebensräumen der Unken sind die Trockenlegung von Feuchtgebieten, die Verbauung von Flüssen, die Technisierung der Landwirtschaft und der Bauindustrie sowie die Ausräumung von Randstrukturen und Brachland.

Vorrangig sind räumlich vernetzte Vorkommen zu erhalten, in denen langfristig günstige Bedingungen gewährleistet werden können. Dabei sind auch kleine Vorkommen mit weniger als 20 Tieren von Bedeutung. Bereits geringfügige Nutzungsänderungen können die Vermehrung der Unken unterbinden. Eine regelmässige Kontrolle der Vermehrung ist die Voraussetzung für rechtzeitige Eingriffe zur Bestandeserhaltung.

Zur Förderung von Gelbbauchunken ist den Flüssen wieder mehr Raum und ihre natürliche Dynamik zurück zu geben. Im Kulturland sind wieder vermehrt sonnige, ständig offen gehaltene Feuchtstellen mit temporären Kleingewässern sowie versteckreiche, feuchte Krautfluren und Gehölze anzubieten. Aber auch feuchte Stellen im Wald mit Pfützen, Wildschweinsuhlen und ähnlichem sind von Unken genutzte Lebensräume. Angebot und Dauerhaftigkeit der Laichgewässer können von Jahr zu Jahr durchaus schwanken, wenn mehrere verschiedene Wasserstellen nahe beieinander vorhanden sind.

     
Frische Fahrspur Fahrspur als Fortpflanzungsgewässer  
Abb. 3 - Ein Dilemma: Bodenverdichtung durch Fahrspuren ist aus Sicht des Bodenschutzes unerwünscht. Die dadurch entstehenden Gewässer sind jedoch für den Artenschutz der Gelbbauchunke besonders wertvoll.
Foto: Ulrich Wasem (WSL)
Abb. 4 - Diese leicht mit Gras überwachsene und mit Waser gefüllte Fahrspur dient als Fortpflanzungsgewässer für die Unke.
Foto: Thomas Reich (WSL)
 
     

Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz in der Schweiz (karch)

Die karch hat sich zum Ziel gesetzt, die Ursachen und Mechanismen des Arten- und Bestandesrückganges von Reptilien umfassend zu untersuchen und Massnahmen zu ergreifen, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Bitte melden Sie Ihre Beobachtungen von Gelbbauchunken oder anderen Amphibien und Reptilien.

www.karch.ch

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