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Alois Zollner

LWF

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für Wald und Forstwirtschaft

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Autor(en): Redaktion waldwissen.net – LWF
Redaktion: LWF, Deutschland
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Des Pastors schwarze Taube

Dohle
Abb. 1: Die Dohle profitierte einst von der landschaftsgestaltenden Tätigkeit der Menschen. Heute aber macht ihr besonders der rasante Strukturwandel in der Landschaft das Leben schwer (Foto: F. Derer, NABU).

Die Dohle (Coloeus monedula) ist der Vogel des Jahres 2012. Im Volksmund hatte sie früher auch den Namen "Pastortaube". Der Name beschreibt das Aussehen, das taubenähnliche Flugbild und sogar die Wohnlage sehr treffend. Das dunkle Federkleid mit der schwarzen Kappe erinnert an die Kleidung eines Dorfpriesters. Coloeus monedula heißt wörtlich übersetzt "gestutztes Mönchlein". Die Dohle gehört zur Familie der Rabenvögel, ist jedoch kleiner als die verwandten Krähen. Auch der rundlichere Kopf mit dem kürzeren Schnabel geben ihr zu Recht den Beinamen "gestutzt".

Aus der Steppe nach Mitteleuropa

Die Dohle ist heute in ganz Europa, von Spanien über den Balkan bis zum Jenissej-Becken im Herzen Russlands verbreitet. Sie bevorzugt wärmere Tieflagen und fehlt daher im nördlichen Skandinavien und im restlichen Russland sowie in Gebirgslagen über 1.000 Metern Höhe. In Deutschland leben derzeit etwa 100.000 Brutpaare. Als Steppenvogel wurden der Dohle Mittel- und Westeuropa erst durch die Rodungstätigkeit des Menschen erschlossen.

Sicherer Brutplatz in der Höhle

Die Dohle benötigt halboffene Landschaften, in denen Brutplätze und Nahrungshabitate eng miteinander verzahnt sind. Sie ist als einzige unter den Rabenvögeln ein Höhlenbrüter. Allerdings sind Höhlen für Vögel in Dohlengröße selten und von vielen Arten begehrt. In der Wahl der Quartier-Standorte ist sie deshalb flexibel und nutzt je nach Angebot Kaninchenbauten, Felsnischen oder große Baumhöhlen. Die Dohle bevorzugt alte Baumbestände mit mehreren Höhlen, die nicht weiter als ein bis zwei Kilometer vom Waldrand entfernt liegen.

Der Neststandort, egal ob in einer glattrindigen Buche oder in einer Gebäudenische, muss Schutz vor Feinden, wie dem Marder bieten. Für die Kletterkünstlerin ist es auch kein Problem, bis zu drei Meter tief mit Hilfe ihrer abgespreizten Flügel in einen Kamin hinein zu klettern, um das Nest möglichst weit vom Eingang entfernt zu bauen.

Treue Gesellen

Dohlen brüten vorzugsweise gesellig. Brutkolonien in Wäldern sind mit durchschnittlich fünf Brutpaaren relativ klein, an Gebäuden sind die Kolonien meist größer. Dohlen verbringen den Großteil des Jahres in Gesellschaft ihrer Artgenossen. Wichtiger als die Verwandtschaft ist ihnen aber ihr Partner, den sie in der Regel bereits im ersten Lebensjahr erwählen. Ein Pärchen bleibt sich meist ein Leben lang treu, was in freier Natur bis zu 18 Jahre dauern kann. Umverpaarungen kommen eher selten vor, einige Vögel bleiben sich selbst dann noch treu, wenn ihr Bruterfolg dauerhaft ausbleibt.

Forstpflanzung und Nestrevier

Dohle an Bruthöhle
Abb. 2: Des "Pastors schwarze Taube" brütet nicht nur in Kirchtürmen. In der Kulturlandschaft benötigt sie zur Jungenaufzucht ausreichend große Bruthöhlen. In baumlosen Landschaften brütet sie aber auch in geeigneten Erdhöhlen (Foto: K. Höltke).

Meist ab Februar finden sich Männchen und Weibchen gemeinsam am auserwählten Nestplatz ein. Dieser wird gerne über mehrere Jahre hinweg benutzt, und bei Bedarf renoviert. Die Ehepartner erkennen sich an den Stimmen, dennoch spielt bei der alljährlichen Balz der Gesang eine geringere Rolle. Wichtiger ist das Imponiergehabe, bei dem das Männchen mit gestrecktem Hals und aufrechtem Gang versucht, das Weibchen von seinen Qualitäten zu überzeugen. Ist das gelungen, zeigt sie mit auffälligem Schwanzzittern ihre Bereitschaft zur Paarung.

Das Nestrevier der Dohle ist sehr klein und umfasst nur den unmittelbaren Bereich der Brutnische. Ab Mitte April werden meist vier bis sechs Eier gelegt, die zwischen 16 und 19 Tage vom Weibchen bebrütet werden.

Vielseitige Nahrung

Die Jungen werden mit größeren Insekten gefüttert. Dazu benötigen die Dohlen zur Brutzeit Lebensräume mit kurzrasiger Vegetation. Dohlen sind aber Allesfresser. Neben Käfern, Heuschrecken, Würmern, Schnecken und kleinen Wirbeltieren verzehren erwachsene Vögel auch frische Triebe und Keimlinge, Getreidekörner, Beeren oder Obst. In der Feldflur nutzen sie Flächen, auf denen die Vegetation die Höhe von 15 bis 20 Zentimeter selten übersteigt oder lückig steht, z.B. abgeerntete oder frisch umgebrochene Felder. Beweidetes oder frisch gemähtes Grünland steht besonders hoch im Kurs. Brutkolonien sind individuenstärker, wenn sie großflächig von Grünland umgeben sind. Ebenso sind Bruterfolg und Vitalität der Vögel in abwechslungsreicher ländlicher Flur größer als beispielsweise in Städten.

Hochentwickeltes Sozialleben

Innerhalb der Brutkolonie herrscht eine Rangordnung: verpaarte Vögel sind ranghöher als unverpaarte, Männchen ranghöher als Weibchen. Diese steigen aber mit der Verpaarung in den Rang ihres Männchens auf. Man kennt sich und kommuniziert miteinander. So werden Rang- und Nestrevierkämpfe auf ein Minimum reduziert. Der Zusammenhalt in der Gruppe ist groß. Falls nötig, zieht die Gemeinschaft die Jungen auf, auch kranke Gruppenmitglieder füttert das Kollektiv mit.

Jungvögel
Abb. 3: "Im Kindergarten" - Dohlen sind, ob jung oder alt, gesellige Tiere, die intensiv ihre sozialen Kontakte pflegen (Foto: M. Vollborn, NABU).

Wenn die Jungvögel das Nest verlassen haben, gesellen sich zu den Nichtbrüter-Trupps auch Familien hinzu. So werden spätestens ab Mitte Juni die Schwärme größer. Im Schwarm ist man sicherer, man kann sich zur Nahrungssuche weiter in offene, deckungslose Landschaften wagen. Jetzt schließen sich die Dohlen auch gerne anderen Rabenvögeln, vor allem Saat- und Rabenkrähen an und bilden Schlafgesellschaften. Im Herbst und Winter schließen sich diesen Gemeinschaften immer wieder durchziehende oder überwinternde Gruppen aus Nord- und Osteuropa an. Die Schlafplätze sind vermutlich wichtige "Informationsbörsen", um sich über neue Nahrungsgründe auszutauschen und künftige Lebenspartner kennenzulernen.

Dohlen besitzen ein ausgeprägtes soziales Lernen. Sie lernen nicht nur durch Versuch und Irrtum, sondern geben gesammelte Erfahrungen direkt an ihre Artgenossen weiter. Sie erkennen Ursache-Wirkungs-Beziehungen auch vorausschauend und können ihr Verhalten immer wieder an neue Problemstellungen anpassen. In Zählversuchen konnten sie anhand zuvor gezeigter Anweisetafeln die richtigen Behälter mit Nahrung herausfinden und hierbei immerhin bis sieben "zählen". Die Tiefe einer Höhle schätzen sie, indem sie Gegenstände in die Höhle fallen lassen. Sie sind auch so umsichtig, dass sie unbekannte Nahrungsquellen erst einmal von anderen Arten "vorkosten" lassen.

Rasante Lebensraumveränderung

Mit den aktuell rasanten Veränderungen in der landwirtschaftlichen Flur und im Siedlungsraum scheinen selbst die "intelligentesten" Kulturfolger nicht mehr Schritt halten zu können. Darauf weist die überwiegend rückläufige Bestandsentwicklung der Dohle hin, die in Brandenburg zwischenzeitlich sogar vom Aussterben bedroht ist. Sei es der Erhalt von Nahrungshabitaten im Extensiv-Grünland oder auch des Brutplatzes bei Gebäudesanierungen: Das Wohl dieser Art, die den Menschen eigentlich nicht scheut, liegt inzwischen in unseren Händen.

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