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Artikel

Autor(en): Kornelia Dobiáš, Egbert Gleich
Redaktion: LFE, Deutschland
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Lebensraumvernetzung durch Wildtierpassagen – Zur Erfolgskontrolle an Brandenburgs Grünbrücke über der A11

Seit 2005 in Betrieb: Brandenburgs erste Grünbrücke über die BAB 11
Abb. 1: Seit 2005 in Betrieb: Brandenburgs erste Grünbrücke über die BAB 11
 
Bild der Infrarot-Überwachungskamera: Damwild äst vertraut auf der Grünbrücke
Abb. 2: Bild der Infrarot-Überwachungskamera: Damwild äst vertraut direkt auf der Brücke

Die erste Grünbrücke Brandenburgs wurde 2005 über die BAB 11 (Berlin-Szczecin) gebaut. Diese erste eigens für Wildtiere erbaute Querungshilfe wird seit ihrer Fertigstellung vom Landeskompetenzzentrum Forst Eberswalde (LFE) wissenschaftlich betreut. Die Erfolgskontrolle ist auf einen Zeitraum von 10 Jahren festgelegt. Im Folgenden wird der erreichte Arbeitsstand nach 5-jährigem Monitoring beschrieben.

Das Untersuchungsgebiet

Die Grünbrücke über die Bundesautobahn A 11 (Berlin - Szeczin) liegt im brandenburgischen Landkreis Uckermark auf dem Gebiet des Biosphärenreservates Schorfheide-Chorin. Sie verbindet zwei Privatwaldreviere der Fürst zu Oettingen-Spielberg´schen Forstverwaltung zwischen den Forstrevieren Neuhaus (westlich der Autobahn) und Görlsdorf (östlich der Autobahn) miteinander.

Abfährten der Grünbrücke

Mit der Fertigstellung der Erdaufschüttung auf der Grünbrücke wurde zwischen September 2004 (also ca. 8 Monate vor Fertigstellung des Bauwerkes) und Juni 2005 der Oberboden regelmäßig auf Anwesenheitszeichen von Wildtieren, insbesondere Fährten, untersucht und entsprechende Protokolle gefertigt.

Videoüberwachung

Im Frühjahr 2005 erfolgte auf dem Scheitelpunkt der Grünbrücke die Errichtung eines ca. 3 m hohen Holzpodestes, auf dem 2 Kameras jeweils mit Infrarot-Scheinwerfer und Bewegungsmelder verdeckt installiert wurden. Jede Kamera überwachte eine Brückenhälfte. Die zum Betrieb erforderlichen zunächst drei Solarzellen wurden an der Innenseite der nördlichen Beton-Sichtschutzwand angebracht. Ihre Zahl musste im Dezember 2006 auf 9 aufgestockt werden, um eine kontinuierliche Stromzuführung zu gewährleisten. Die Videobilder werden auf einem Festplattenrecorder gespeichert, der in einer wasserdichten Aluminiumkiste untergebracht ist.

Im April 2009 wurde das aus 2 Kameras bestehende Überwachungssystem (auf dem Holzpodest) durch eine neue Kamera ersetzt, die in der Lage ist, den gesamten Überwachungsraum von der Nordseite der Sichtschutzblende her zu überwachen.

Die Videoüberwachung erfolgt kontinuierlich seit Mai 2005. In regelmäßigen Abständen wird seither die Festplatte gewechselt, um die Videobilder auszuwerten.

Auswertung von Wildunfällen auf der BAB 11

Zum Unfallgeschehen mit Wildbeteiligung auf der BAB 11 im Bereich der Grünbrücke wurden die jährlichen Angaben der Verkehrsunfallstatistik im Schutzbereich Barnim für den Abschnitt zwischen den Anschlussstellen (AS) Joachimsthal und Pfingstberg ab 2003 ausgewertet.

Ergebnisse:

  • Fährtenprotokoll

Zwischen September 2004 und Juni 2005 fanden Kontrollen auf der Grünbrücke statt. Die festgestellten Fährten wurden protokolliert. Das Damwild “interessierte“ sich bereits in den frühen Bauphasen für die Aktivitäten auf der Baustelle und benutzte seit der Fertigstellung der Erdauflage die Grünbrücke zur Querung der Autobahn. Es wechselte wiederholt nachts zwischen den Baufahrzeugen hindurch und konnte auch morgens durch die ankommenden Bauarbeiter direkt beobachtet werden. Ab Dezember 2004 waren auch Raubwild-Spuren (Fuchs, Dachs, Marderhund) auf der Brücke festzustellen.

  • Auswertung der Video-Aufzeichnungen

Zwischen Mai 2005 und März 2010 konnten insgesamt 23.045 Wildbewegungen über die Grünbrücke ausgewertet werden. Mit 16.127 Querungen (70 %) ist das Damwild die bei Weitem häufigste Wildart auf der Brücke. Die Zahl an Schwarzwild hat im Verlauf der Untersuchungen deutlich zugenommen. Bis März 2010 konnten insgesamt 5.719 Querungen registriert werden, das entspricht 25 % aller Wildtierquerungen. Die übrigen 5 % teilen sich 11 weitere Wildarten.

  • Damwild

Das Damwild war mit hoher Wahrscheinlichkeit der erste und ist eindeutig der häufigste „Nutzer“ des Bauwerkes.

Dabei ist das weibliche Damwild gemeinsam mit seinen Kälbern am meisten auf der Grünbrücke anzutreffen. Trotz der zeitweise vorkommenden technischen Probleme bei der Aufzeichnung von Wildquerungen wird in den einzelnen Untersuchungsjahren deutlich, dass mit Beginn der Vegetationsperiode im März jeweils die Anzahl der Querungen durch das Damwild zunimmt. Die monatlichen Spitzenwerte liegen jeweils im Herbst, insbesondere im Oktober zur Brunft des Damwildes. Dagegen scheinen die Aktivitäten des Damwildes während der Wintermonate relativ gering zu sein. Während weibliches Damwild und Kälber das ganze Jahr hindurch mit unterschiedlicher Häufigkeit die Grünbrücke nutzen, ist das männliche Wild überwiegend in den Herbst- und Wintermonaten dort aktiv. Die Querungshäufigkeiten weiterer Wildtierarten zeigt die folgende Tabelle.

Tab. 1: Zahl der Querungen von an der Nutzung der Grünbrücke beteiligten Wildarten
(Untersuchungszeitraum: Mai 2005 bis März 2010)

Wildarten Zahl der Querungen
Schwarzwild 5719
Rehwild 513
Rotfuchs 293
Feldhase 149
Dachs 143
Muffelwild 42
Marderhund 21
Rotwild 18
Waschbär 18
Marder 8
Wolf
1

  • Verhalten von Wildtieren auf der Grünbrücke

Anhaltspunkte für die Akzeptanz der Grünbrücke bieten die Verhaltensanalysen von Tieren während ihres Aufenthaltes auf der Brücke sowie der hierfür gewählte Zeitpunkt. Im bisherigen Untersuchungszeitraum wurde das Verhalten bei über 23.000 Wildtierquerungen ausgewertet. Fast die Hälfte dieser Querungen (48 %) erfolgte ruhig ziehend, bei weiteren 33 % konnte zudem eine Nahrungsaufnahme beobachtet werden (Verhalten: äsend). Lediglich 4.237mal (19 %) überquerten Wildtiere die Brücke flüchtig. Ihrer an die vielfach genutzte Kulturlandschaft angepassten Lebensweise entsprechend nutzte die Mehrzahl der Wildtiere (58 %) die Grünbrücke während der Nachtstunden.

Die Beobachtungen zur Bevorzugung bestimmter Richtungen bzw. Sektoren für das Anwechseln bzw. Hinüberwechseln von Wildtieren über die Grünbrücke lassen den Schluss zu, dass Neigungswinkel an den Brückenköpfen sowie Vegetationsstrukturen auf der Grünbrücke eine wichtige Rolle für die Nutzung solcher Bauwerke spielen müssen. Steile Anstiege hinauf zum Scheitelpunkt einer Grünbrücke ohne Sicht auf den Schutz bietenden gegenüberliegenden Waldrand und breite vegetationsarme (deckungsarme) Bereiche werden mit hoher Wahrscheinlichkeit lange gemieden bzw. nur sehr zurückhaltend angenommen.

Ein Fuchs quert die Grünbrücke
Abb. 3: Ein Fuchs quert die Wildbrücke
  • Anthropogene Einflüsse im Bereich der Grünbrücke

In unmittelbarem Zusammenhang mit der Bewertung des Verhaltens von Wildtieren auf der Grünbrücke steht auch die Analyse zum Einfluss menschlicher Störungen auf dem Bauwerk bzw. in dessen engerem Umfeld.

Zwischen Mai 2005 und März 2010 erfassten die Überwachungskameras neben 23.045 Wildtierquerungen auch 881mal Menschen auf der Grünbrücke.

In den ersten Monaten nach Fertigstellung gab es viele Neugierige, die das Bauwerk „besuchten“. Es wurden Spaziergänger, Jogger, Radfahrer, Mopedfahrer und Autofahrer registriert. Die Störungen haben im Verlauf der letzten Jahre deutlich nachgelassen. Es werden allenfalls noch Fußgänger auf dem Bauwerk beobachtet, Fahrzeuge passierten die Grünbrücke in den letzten Jahren nicht mehr.

Zu dieser positiven Entwicklung hat das Aufstellen eines Verbotsschildes an dem von Osten zur Grünbrücke führenden Waldweg bzw. die zeitweise Sperrung der Zufahrt mittels Schranke beigetragen. Für die Aufrechterhaltung der Funktionalität dieser Grünbrücke als Wildtierpassage ist auch die Beibehaltung des seit der Bauausführung ausgeübten freiwilligen Jagdverzichts durch den privaten Waldeigentümer im unmittelbaren Brückenumfeld von Bedeutung. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass eine sensible Öffentlichkeitsarbeit gerade in der Phase der Fertigstellung und zu Beginn der wissenschaftlichen Begleituntersuchungen von enormer Bedeutung für das „Funktionieren“ dieser Grünbrücke war.

  • Entwicklung der Vegetation

Seit drei Jahren steht allen Wildtieren die gesamte Breite der Grünbrücke für die Querung und sämtliche Pflanzen als Äsung zur Verfügung. Die angepflanzten Sträucher und Bäume bieten gemeinsam mit den sich inzwischen entwickelnden Wildwüchsen, insbesondere Kiefer und Ginster, zusätzliche Nahrung und wachsenden Sichtschutz besonders an den Brückenköpfen und im südlichen Brückenbereich

Vegetationsentwicklung auf der Grünbrücke
Abb. 4: Vegetationsentwicklung auf der Grünbrücke: Naturverjüngung bietet Deckung und Nahrung
  • Wildunfälle im Bereich der Grünbrücke

Die BAB 11 war bei der Fertigstellung der Grünbrücke 2006 zwischen den Anschlussstellen (AS) Joachimsthal und Pfingstberg (Gesamtlänge: 19,5 km) nur auf etwa 2,2 km Länge beidseitig gezäunt. Im unmittelbaren Brückenbereich besteht für Wildtiere gegenwärtig noch auf etwa 10 km Länge (zwischen AS Joachimsthal und der Brücke Poratz-Redernswalde) weiterhin die Möglichkeit, über die Autobahn wechseln, ohne die Grünbrücke zu nutzen.

Insgesamt ergab die Analyse der Verkehrsunfälle auf dem Autobahnabschnitt zwischen den AS Joachimsthal und Pfingstberg von 2003 bis 2009 die Zahl von 143 Unfällen mit Beteiligung von Wildtieren. Am häufigsten war nach Auswertung der Unfallprotokolle das Rehwild beteiligt (69mal), sechsmal wurde Rotwild als Verursacher genannt.

Fazit

Die Grünbrücke über der BAB 11 ist ein positives Beispiel sinnvoller Lebensraumvernetzung. Ihre Gestaltung kann als Vorbild bei der Errichtung weiterer Grünbrücken über bestehende Autobahnen dienen. Im Sommer 2010 begann der Bau von drei weiteren Grünbrücken an der A 9, A 13 sowie A 12, der aus Mitteln des Konjunkturprogrammes II finanziert wird. Sie werden Landeswaldflächen wieder miteinander verbinden. Ein wissenschaftliches Monitoring muss jedes dieser Grünbrücken-Projekte bei Planung, Bauausführung und nach Fertigstellung begleiten und eine effiziente Erfolgskontrolle sichern. Es kann gleichfalls zur Akzeptanz dieser kostspieligen Maßnahmen zur Wiedervernetzung von Wildlebensräumen in der Bevölkerung beitragen.

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