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Alois Zollner

LWF

Bayerische Landesanstalt
für Wald und Forstwirtschaft

Abt. Biodiversität,
Naturschutz, Jagd
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D-85354 Freising

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Artikel

Autor(en): Gerhart Zwirglmaier
Redaktion: LWF, Deutschland
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Vertreibung aus dem Paradies

Eigentlich ist das Schalenwild tagaktiv und würde am liebsten auf freien, grasigen Flächen äsen. Trotzdem versteckt es sich bei uns meistens im Wald. Dies führt zu einer Reihe von Nachteilen, die sich bereits durch kleine, geschickte Veränderung bei der Bejagung in Vorteile für Mensch und Wild verwandeln können.

Deckung im Feld
Abb. 1: Wild braucht im Sommer wie im Winter ausreichend Deckung. Hierzu bietet die Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) geeignete Saatgutmischungen an (Foto: W. Kuhn).

Unser Schalenwild würde am liebsten die lichtverwöhnten, schmackhafteren Gräser und Kräuter auf den Flächen in der freien Landschaft äsen. Dennoch führt es eine Art "Partisanendasein" im Wald – immer anwesend, aber nie sichtbar. Warum? Unser Wild hat gelernt: Wenn du dich tagsüber sehen lässt, endest du ganz schnell in der Bratröhre. Daher lebt es nach der Devise "Verstecken hilft überleben!" Der überall gegenwärtige Mensch drängt das Wild im Zuge einer nicht artgerechten Jagd in finstere Dickungen ab. Um dem Wild die offenen Flächen wieder zugänglich zu machen, darf es den Menschen nicht als lebensbedrohenden Feind, sondern muss ihn als Mitbewohner der Landschaft sehen. Deshalb sind hoher Jagddruck auf verbissgefährdeten Verjüngungsflächen und gleichzeitig jagdfreie Zonen notwendig.

Unsere pflanzenfressenden jagdbaren Wildtiere und darüber hinaus viele andere sind auf Nahrung angewiesen, die am besten im Licht, d. h. auf Freiflächen wächst. Dennoch gilt allgemein nicht die landwirtschaftliche Flur als der klassische Wildlebensraum – zumindest nicht für Schalenwild, sondern der Wald. Und in der Tat, das Schalenwild hat seine Einstände überwiegend im Wald und auch die Rotwildgebiete weisen überproportional hohe Waldanteile gegenüber der übrigen Landesfläche auf, obwohl die bevorzugten Äsungspflanzen auf der Freifläche schmackhafter und üppiger gedeihen als im Schatten der Waldbäume. Jeder Landwirt weiß, dass das Gras unterm schattigen Waldrand bei seinen Tieren weniger begehrt ist als das in der Sonne gewachsene.

Verstecken, um zu überleben

Die Wertschätzung der landwirtschaftlichen Kulturflächen und die daraus folgende Bejagung und Vertreibung führte dazu, dass das Schalenwild seine wichtigsten Lebensbedürfnisse (Nahrungsaufnahme, Sicherheit) zumindest tagsüber im schützenden Wald deckt. Verstecken hilft überleben!

In einer Zeit jedoch, in der wir für die Lebensmittelproduktion nicht mehr alle landwirtschaftlichen Flächen benötigen und in der wir diese lebensfreundlicher gestalten, ergibt sich daraus für Wildtiere und -pflanzen eine einmalige Chance, diesen für sie optimalen Lebensraum wieder vermehrt zu nutzen.

Damit das Wild den Wald verlässt und das neu geschaffene Biotop auch annimmt, muss ihm dort aber auch Sicherheit gewährt werden. Wildbestände mit wenigen natürlichen Verlusten erfordern jedoch eine entsprechende Bejagung, um einer Übernutzung ihrer Lebensgrundlage vorzubeugen. Verstellen wir nun die neu geschaffenen Äsungs- und Deckungsflächen mit Hochsitzen, um hier die Abschüsse zu erfüllen, werden wir uns diese Aufgabe zwar anfänglich erleichtern, dem überlebenden Wild diese Orte aber verleiden. Es wird den Wald trotz der schmäleren Kost als sichere Heimstatt bevorzugen. Das Jungwild wird diese Erfahrung von den Elterntieren übernehmen und wer sich nicht daran hält, wird den schützenden Wald bald nicht mehr erreichen.

Auf den neu geschaffenen Biotopen wird es wachsen, blühen und summen, das Schalenwild wird aber weiterhin im angrenzenden Wald ein Partisanendasein führen – immer anwesend, aber nie sichtbar – und höchstens nachts von den verlockenden Köstlichkeiten auf den Fluren naschen.

Ansitzjagd neu überdenken

Deckung und Ruhezonen
Abb. 2: Geeignete Flächen sollen von der Jagd unberührt bleiben. In diesen Ruhezonen kann auch das Wild tagsüber aktiv sein (Foto: W. Kuhn).

Jäger und Erholungssuchende beklagen oft die geringe Sichtbarkeit des Wildes. Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Eine davon ist sicher das ausschließliche Festhalten an der herkömmlichen Ansitzjagd am Waldrand, insbesondere dann, wenn sie sich auf die Abendstunden konzentriert. Sie führt zu einer einseitigen Selektion, bei der das heimliche nur spät oder nachts austretende Wild überlebt und das bei Tageslicht sichtbare zur Beute wird.

Ist das nun am Morgen anders? Wild mit vollem Pansen steht der Sinn einzig danach, sich in Ruhe nieder zu tun und zu verdauen. Dafür strebt es morgens einem Einstand zu, auch wenn es dabei gestört wird. Abends dagegen zieht es mit leerem Pansen zur Äsung. Wird nun von mehreren Tieren eines erlegt, so erfahren die überlebenden die Gefährlichkeit der freien Feldfläche mit der Folge, sie in Zukunft zu meiden und sich lieber mit der dürftigen Kost in sicherer Deckung zu begnügen, die nur all zu oft auch aus der vom Waldbesitzer lang ersehnten Naturverjüngung besteht. Der Jäger wundert sich aber über das wenige Wild und die doch noch zu hohen Schäden.

Bejagen wir Schalenwild immer dort, wo wir es am leichtesten bekommen und verhalten uns nach dem Schuss so ungeniert, dass das abspringende Wild unsere Anwesenheit mit dem plötzlichen Verlust eines Artgenossen verbindet, so verbleiben für die überlebenden Tiere nur mehr dunkle, äsungsarme Dickungen als Tageslebensraum.

Je höher der weibliche Anteil eines Wildbestands, umso mehr Tiere müssen erlegt werden und umso öfter verspüren sie diesen Schrecken mit all seinen Folgen. Hier wird deutlich: ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis vermindert den Jagddruck.

Wild als Teil der Landschaft

Die Verlagerung der Jagd in die Nachtstunden mit Hilfe immer besserer Technik zwingt das Wild auch noch nachts, sich ausschließlich von dem zu ernähren, was im Wald wächst. Der heute in einer intensiv und vielfältig genutzten Landschaft überall gegenwärtige Mensch sperrt im Rahmen einer nicht artgerechten Jagd das Wild in finstere Dickungen.

Um ein möglichst schadensneutrales Verhalten des Wildes zu erreichen – davon hängt seine Akzeptanz und damit sein Bestand im Wesentlichen ab – muss es uns gelingen, dem Wild den Menschen als Mitbewohner der Landschaft zu vermitteln und nicht als allgegenwärtigen Feind.

Nachdem wir Wildschäden minimieren und das Wild auf den besonders attraktiven Flächen im Feld nicht vergrämen wollen, müssen wir die Jagd auf die verbissgefährdeten Verjüngungsflächen verlegen. Hier sollen wir Beute machen und hier dürfen, ja sollen wir auch Jagddruck ausüben. Hier können wir uns vom nervigen Alltag erholen und auch nach Belieben der von uns so geliebten Feierabendjagd nachgehen, so oft wir wollen.

Ruhezonen für das Wild

Gleichzeitig kann es aber auch sein, dass wir im Wald wegen der weniger sichtbaren Fläche öfters ohne Anblick heimgehen als vom Ansitz mit Blick auf die Feldflur. Manchem wird die Verlagerung der Jagd in das Waldesinnere auch einen höheren zeitlichen Aufwand abverlangen oder auch zu Überlegungen führen, andere Jagdarten als bisher anzuwenden. Hierfür gibt es keine Pauschalrezepte. Die Bejagung muss auf die örtlichen Verhältnisse abgestellt sein. Grundsätzlich gilt jedoch: Schwerpunktbejagung auf verbissgefährdeten Flächen hat nur dann Erfolg, wenn gleichzeitig andere Flächen vom Jagddruck ausgespart bleiben.

Der überwinternde Bestand muss dem Lebensraum angepasst sein. Es wäre zu überlegen, ob nicht der Anteil der für den Frühsommer vorgesehenen Jugendklasse nicht schon als Jungwild vor dem Jahreswechsel erlegt werden kann. Das würde die Vegetation nicht nur zu Gunsten des Waldes, sondern auch zu Gunsten des überwinternden Wildes entlasten. Außerdem lässt sich Wildbret im Herbst und Winter in der Regel günstiger vermarkten als im Frühsommer.

Eines muss uns aber klar sein: Lebensraumgestaltung kann niemals den Abschuss ersetzen und sie kann den Wald nur entlasten, wenn sie dem Wild auf ausreichender Fläche zugänglich ist.

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