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Artikel

Autor(en): Ulrich Schraml
Redaktion: LWF, Deutschland
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Der "urbane Waldbesitzer" - das unbekannte Wesen

Vom Patienten zum Geschäftspartner

Der "urbane Waldbesitzer" steht für einen auswärtigen Städter, einen passiven und uninformierten Eigentümer oder kurz für einen "Problemwaldbesitzer". Die Forstpraxis sollte ihm dringend mehr Aufmerksamkeit schenken, zumal immer öfter auch bäuerliche Waldbesitzer "urban" werden.

Die neue Generation der Kleinwaldbesitzer
Abb. 1: Neue Gesichter im Wald - die Jugend der Waldbesitzer (Foto: U. Schraml)

Ein Gespenst geht um in Europa. In allen Ländern, in denen Privatwald von Bedeutung ist, diskutieren Verbände, Holzindustrie und Behörden über dessen Eigentümer. Über die Ländergrenzen hinweg wird beklagt, dass die Zahl der aktiven Landwirte abnimmt und neue, passive Eigentümertypen entstehen. Einer dieser neuen Typen ist der "Urbane Waldbesitzer".

Von Portugal bis Estland sind in den letzten Jahren Dutzende neuer Waldbesitzerstudien entstanden, die unsere Kenntnisse über die Kleinwaldbesitzer in vielerlei Hinsicht erweitern. Vor allem gaben die Wissenschaftler den "neuen" Phänomenen Namen. Sie sortierten Waldbesitzer in Gruppen und verteilten Etiketten. Eine dieser Schubladen, die aufgemacht wurde, ist die des "Urbanen Waldbesitzers". An seinem Beispiel wird deutlich, dass Worte mehr sind als Schall und Rauch. Der Begriff weist zunächst nur auf den Lebensstil der Waldeigentümer hin. Er beschreibt den Beruf, die Konsumgewohnheiten und die Freizeitgestaltung, oftmals im Vergleich zu bäuerlichen Waldbesitzern. So zeigt eine Freiburger Studie, dass im Vergleich zu den Landwirten doppelt so viele nichtbäuerliche Waldbesitzer ein Mobiltelefon verwenden. Die Nutzung von E-mail übersteigt jene der Landwirte gar um das Fünffache. Insofern sind heute die meisten Waldbesitzer mehr oder weniger urban, da sich ihre Lebensgewohnheiten an Trends orientieren, die in Städten entstehen.

Der Urbane Waldbesitzer lebt auf dem Land

Vergleichsweise wenige Waldbesitzer leben aber tatsächlich in der Stadt. In einer bundesweiten Studie zeigten wir, dass in Deutschland nur jeder zehnte Waldbesitzer in einer Großstadt lebt. Ein Viertel wohnt dagegen in Dörfern mit bis zu 2.000 Einwohnern, weitere 40 Prozent in Orten, die zwischen 2.000 und 20.000 Einwohner aufweisen. Waldbesitzer verteilen sich also ganz anders über das Land als der Rest der Bevölkerung, von Landflucht keine Spur.

Diese breite gesellschaftliche Präsenz macht sie zu wichtigen Multiplikatoren für private Waldbewirtschaftung. Dies bestätigt eine Arbeit des Autors. Knapp dreitausend zufällig ausgewählte Interviewpartner aus ganz Deutschland wurden darin gefragt, ob sie Waldbesitzer kennen. Bei jedem Dritten war dies der Fall. Zwei von drei Bürgern erkundigen sich bei ihren waldbesitzenden Bekannten gezielt über Wald und Forstwirtschaft. Dieser Umstand verfehlt seine Wirkung auf die Meinungsbildung nicht. Der persönliche Kontakt korrigiert in verschiedenen Bereichen den Tenor der Medien. Der Waldzustand wird generell besser eingeschätzt und staatliche Einflüsse im Privatwald eher abgelehnt.

Patient Urbaner Waldbesitzer

Obwohl die breite Eigentumsstreuung auf diesem Wege die gesellschaftliche Unterstützung für das Waldeigentum fördert, gilt die große Zahl der Urbanen Waldbesitzer als forstlicher Problemfall. Viele Studien erhärten diesen Eindruck. Staatliche Förderprogramme gehen vielfach unbemerkt an ihnen vorbei. Zertifizierung ist ihnen unbekannt. Der Organisationsgrad in den Selbsthilfeeinrichtungen der Waldbesitzer ist gering. Die Forschung bestätigt damit Erfahrungen jener Praktiker, die in der forstlichen Dienstleistung tätig sind. Auch sie treffen auf Eigentümer ohne Fachkenntnis, Ausrüstung und Zeit.

Der Begriff "Urbaner Waldbesitzer" hat sich darüber auch in der Praxis als Synonym für eine besonders problematische Gruppe durchgesetzt. Gerade vor dem Hintergrund der zweiten Bundeswaldinventur wird das forstliche Potenzial des Kleinprivatwaldes zwar immer mehr im Wald gesehen, aber immer weniger bei seinen Eigentümern. Dass die Situation nicht so klar ist, hat auch mit dem Verständnis vom Urbanen Waldbesitzer zu tun. Anders als bei manchem Automobilkonzern besteht zwar kein akuter Anlass, den Begriff in die Werkstätten der Universitäten zurückzurufen, doch gilt es einige Missverständnisse aufzuklären.

Aktuelle Forschungsergebnisse aus Freiburg machen deutlich, wie einflussreich inzwischen die Vorstellung vom städtischen Waldbesitzer für die Problemanalyse auf dem Forstsektor ist. Fachleute neigen dazu, aus dem unbefriedigenden Pflegezustand von Wäldern, drängenden Forstschutzproblemen und geringem Holzangebot hohe Anteile an Ausmärkern (=in diesem Falle Waldbesitzer, die nicht vor Ort wohnen und nur noch einen geringen Bezug zu ihrem Wald haben, Anm. d. Red.) abzuleiten. Vielfach lassen sich diese hohen Anteile beim Gang zum Grundbuchamt aber gar nicht bestätigen. Die weit verbreitete Vorstellung vom Waldbesitzer, der in die Stadt gezogen ist und sich deshalb nicht mehr um seinen Wald kümmert, führt in die Irre. Ländliche Waldbesitzer zeigen regelmäßig identische Verhaltensweisen. Die Vorstellung vom auswärtigen Städter legt jedoch nahe, dass das ein Problem der Waldbesitzer ist. Sie ist somit nichts anderes als die einfachste Ausrede für verlorenes Vertrauen, fehlenden Kundenkontakt oder nicht geleistete Überzeugungsarbeit der forstlichen Institutionen.

Die Stunde der forstlichen Zusammenschlüsse

Vor diesem Hintergrund beinhaltet die nun eingeläutete Professionalisierung der Zusammenschlüsse besondere Herausforderungen. Die geplante engere Zusammenarbeit zwischen Forst- und Holzwirtschaft drängt tendenziell jene an den Rand, die weder professionell sind noch sich als Teil einer Logistikkette verstehen. Für Urbane Waldbesitzer gilt momentan meist beides. Insbesondere die finanzielle Unabhängigkeit und das hohe Durchschnittsalter verhindern weitgehend, dass der Wunsch nach Veränderung von den Eigentümern ausgeht. Dort, wo das staatliche Beratungsangebot begrenzt wird, kann daher die Initiative nur von den Zusammenschlüssen ausgehen. Dass sich dies von Anfang an lohnen kann, mag ein Beispiel aus einer anderen Branche verdeutlichen. Es ist gar nicht lange her, dass sich eine große deutsche Bank mit Überzeugung ihren umsatzkräftigen Geschäftskunden zuwandte und ihre Schalter im Privatkundensegment reihenweise schließen ließ. Heute wirbt das gleiche Kreditinstitut allabendlich zur besten Sendezeit damit, dass nun auch der Kunde mit dem kleinen Vermögen wieder König sei. Die forstwirtschaftlichen Zusammenschlüsse können sich diesen Umweg sparen.

Dr. Ulrich Schraml ist Mitarbeiter am Institut für Forst- und Umweltpolitik der Universität Freiburg (Kontakt)

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