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Originalartikel: Liesebach, M. (2002): Forstgenetik rechnet sich. Österreichische Forstzeitung 6: 33 - 35
Autor(en): Mirko Liesebach
Online-Version: Stand: 13.07.2017
Redaktion: BFW, A

Forstgenetik rechnet sich betriebswirtschaftlich

Fichtenzapfen
Naturverjüngung oder Kunstverjüngung? - darüber entscheidet die Qualität, Wuchsleistung und Angepasstheit des Altbestandes

Herkunftsversuche geben Auskunft über die genetische Variation, die innerhalb und vor allem zwischen den Nachkommenschaften einer Baumart steckt. Nachfolgend werden Ergebnisse der Herkunftsforschung betriebswirtschaftlich für die Baumarten Fichte, Buche und Lärche hochgerechnet. Je nach Wuchsleistung und Qualität ergeben sich Unterschiede von mehreren Tausend Euro im Deckungsbeitrag zwischen Herkünften der drei Baumarten.

Durch die langen Produktionszeiträume lässt sich in der Forstwirtschaft das Betriebsergebnis nur bedingt beeinflussen. Dennoch hat der Waldbesitzer einiges in der Hand, das er nutzen sollte. So trifft er mit der Verjüngung von Waldbeständen eine Entscheidung für einen Zeitraum von hundert und mehr Jahren. 

Mit einem Anteil von etwa 55 % ist die Fichte der "Brotbaum" der österreichischen Forstwirtschaft. Etwa 5 % der Waldfläche nimmt die Lärche (überwiegend Europäische Lärche) ein, eine relativ genügsame Baumart, mit der sich bei entsprechenden Qualitäten gute Erlöse erzielen lassen. Beim Laubholz ist in den vergangenen Jahren eine Zunahme zu verzeichnen, diese fiel am deutlichsten bei der Buche aus, deren Anteil knapp 10 % beträgt.

Bestandesverjüngung

Bei der Bestandesbegründung wird zunehmend aus wirtschaftlichen Erwägungen und um natürlich ablaufende Prozesse zu nutzen auf Naturverjüngung zurückgegriffen. In vom Menschen wenig beeinträchtigten Wäldern bieten die von der Natur gegebenen Veranlagungen der Bäume ein Potenzial für stabile und häufig zugleich auch produktive Wälder, die an den jeweiligen Standort angepasst sind. Eine gelungene Naturverjüngung ist kostengünstiger als die Pflanzung oder Saat.

Hat sich jedoch eine Baumart für einen Standort als ungeeignet erwiesen, so ist ein Baumartenwechsel über eine Kunstverjüngung angesagt. Gleiches gilt, wenn der Altbestand hinsichtlich seiner Wuchsleistung und Qualität unbefriedigend ist oder Mischbaumarten fehlen. Obwohl diese Erkenntnisse den Forstleuten bekannt sind, werden sie in der forstlichen Praxis nicht konsequent umgesetzt. So ist es unverständlich, dass immer wieder Bestände um fast jeden Preis natürlich verjüngt werden. Die Bedeutung der Vererbung der genetischen Information des Altbestandes wird neben den klassischen Produktionsfaktoren nicht immer entsprechend berücksichtigt.

Für die künstliche Verjüngung unserer Wälder ist die Auswahl des richtigen Vermehrungsgutes von entscheidender Bedeutung. Neben der Wahl der Baumarten und der geeigneten Mischung beeinflusst die Herkunft des forstlichen Vermehrungsgutes das Betriebsergebnis. Merkmale wie das Überleben, die Anfälligkeit gegenüber Krankheiten, der Austrieb im Frühjahr sowie die Wuchsform und -leistung werden maßgeblich durch im Erbgut verankerte Herkunftseigenschaften beeinflusst.

Herkunftsversuche belegen die Variation, die zwischen und innerhalb von Herkünften steckt. So haben einzelne Herkünfte keine Chance, sich unter bestimmten Standortsbedingungen zu etablieren, und fallen bereits kurz nach der Kulturanlage aus. Aus Herkunftsversuchen ist auch bekannt, dass zwischen den Herkünften deutliche Leistungsunterschiede an einem Standort auftreten können (Abbildung 1).

Abbildung 1
Abbildung 1: Häufigkeitsverteilung des hochgerechneten Volumens im Alter 30 von 100 Herkünften der Fichte

Die Kosten für eine gesicherte Kultur aus Kunstverjüngung belaufen sich bei Fichte auf im Mittel etwa 2.000 €/ha, bei Europäischer Lärche auf etwa 3.000 €/ha und bei Buche auf etwa 5.000 €/ha. Der Anteil der Pflanzenkosten liegt dabei zwischen 30 und 50 %.

Neben den Kosten der Verjüngung gehört zu einer soliden betriebswirtschaftlichen Betrachtung auch der Erwartungswert des neuen Bestandes im Umtriebsalter. Die Deckungsbeitragsrechnung, die von einer normaler Altersklassenverteilungen sowie konstanten Holzpreisen und Kosten ausgeht, ist hierfür ein gängiges Verfahren.

Deckungsbeiträge

Da bereits Aussagen zur Holzmarktentwicklung einer Baumart in 30 Jahren nur mit zahlreichen Einschränkungen möglich sind, wurde das Verfahren der Deckungsbeitragsrechnung angewendet. Der Deckungsbeitrag I ist der erntekostenfreie Erlös, der sich aus den derzeitigen Holzerlösen abzüglich der Holzerntekosten für das Umtriebsalter errechnet. Verglichen werden bei den drei Baumarten jeweils eine Herkunft mittlerer Wuchsleistung mit einer wüchsigeren und einer nicht so wüchsigen Herkunft. Bei Lärche und Buche wird zusätzlich die Qualität berücksichtigt.

Fichte

Den Berechnungen liegt ein mittlerer Holzerlös zwischen 77 €/Fm (stärkeres Holz) und 67 €/Fm (schwächeres Holz) zugrunde. An Holzerntekosten einschließlich Entrindung werden zwischen rund 20.000 €/ha und 15.500 €/ha abgezogen. Für eine vollbestockte Fichtenfläche (dGZ100 = 13,2) ergibt sich somit ein Deckungsbeitrag von rund 31.500 €/ha im Alter 100 (Tabelle 1).

Tabelle 1: Ertragskundliche Daten und erntekostenfreie Erlöse für 100-jährige Fichte (* reduziert um 19 % (10 % Ernteverlust, 10 % Rindenabzug); ** einschließlich Entrindung)
dGZ100 Vfm m.R. /ha Efm o.R. /ha* BHD (cm)
erntekostenfreier Erlös **
16,9 993 804 41,4
42.000 €/ha (133 %)
13,2 823 667
36,8
31.500 €/ha (100 %)
10,4 623
505
29,4
18.000 €/ha (58 %)

Würde diese Herkunft durch eine wüchsigere Herkunft (dGZ100 = 16,9) ersetzt, ließen sich rechnerisch rund 42.000 €/ha erzielen, ein Plus von 33 %. Würde jedoch auf eine schlechtwüchsige Herkunft (dGZ100 = 10,4) zurückgegriffen, weil diese beispielsweise preiswerter zu erwerben wäre, so errechnet sich ein erntekostenfreier Erlös von 18.000 €/ha (Verlust von 42 %).

Bei der Fichte, einer klassischen Massenbaumart mit nur geringen Qualitätsunterschieden, wird auf eine differenziertere Betrachtung verzichtet. Anders sieht es bei Lärche und Buche aus, bei denen zusätzlich drei Qualitätskategorien berücksichtigt werden.

Lärche
Tabelle 2: Ertragskundliche Daten für 120-jährige Lärche (*reduziert um 28% (10 % Ernteverlust, 20 % Rindenabzug))
dgZ100 Vfm m.R. /ha Efm o.R. /ha* BHD (cm)
11 908 654 58,8
9
 757 545 51,6
7 604 435 44,2

Für die Lärche wird von 120 Jahren Umtriebszeit ausgegangen (Tabelle 2). In die Berechnung der Deckungsbeiträge geht für höherwertige Qualitäten ein Einheitserlös von 100 €/fm und für geringwertigere Sortimente von 30 €/fm ein. Je Ertragsklasse werden drei Kategorien mit einem Anteil höherwertiger Qualitäten von 80 %, 65 % bzw. 50 % unterschieden. Die abzuziehenden Erntekosten einschließlich Entrindung liegen in Abhängigkeit vom BHD zwischen 14.000 und 11.500 €/ha.

Tabelle 3: Erntekostenfreie Erlöse für 120-jährige Lärche bei unterschiedlicher Ertragsklasse und Qualität (Anteil höherwertiger Sortimente) 
  dGZ100 11 9 7
höherwertige Sortimente 80 % 42.000 (149 %) 34.000 (120 %)
26.000 (91 %)
(Qualität) 65 % 35.500 (125 %) 28.500 (100 %)
21.500 (75 %)
  50% 28.500 (100 %) 22.500 (80 %)
16.500 (59 %)

Damit errechnen sich die in Tabelle 3 zusammengestellten erntekostenfreien Erlöse. Würde eine Herkunft (dGZ100 = 9; 65 % höherwertige Sortimente) durch eine wüchsigere (dGZ100 = 11) ersetzt, erhöht sich der Deckungsbeitrag um 25 %. Ließen sich zusätzlich 80 % höherwertige Sortimente aushalten, stiege der Deckungsbeitrag um 49 % auf rund 42.000 €/ha.

Buche
Tabelle 4: Ertragskundliche Daten für 140-jährige Buche (*reduziert um 15,4 % (10 % Ernteverlust, 6 % Rindenabzug))
dGZ100 Vfm m.R. /ha Efm o.R. /ha* BHD (cm)
9,1 674 570 45,6
7,3 576 487 41,6
5,6 477 404 37,4

Für die Buche wird eine Umtriebszeit von 140 Jahren gewählt (Tabelle 4.). Die Qualitätsunterscheidung erfolgt anhand des Merkmals Stammlängenanteil. Die drei Qualitäten unterscheiden sich in ihren Stammlängenanteilen von 65 %, 50 % und 35 %. Für das Stammholz werden Erlöse zwischen 61 €/fm (BHD 45,6 cm; Stammlängenanteil 65 %) und 40 €/fm (BHD 37,4; Stammlängenanteil 35%) zugrunde gelegt. Die Erntekosten des Stammholzes belaufen sich auf rund 7.500 bis 10.000 €/ha. Für das Nichtstammholz werden einheitlich erntekostenfreie Erlöse von 5 €/fm angesetzt. Werden für letztere höhere Erlöse erzielt, verbessert sich die Ertragssituation der geringwertigen Modellbestände geringfügig.

Tabelle 5: Erntekostenfreie Erlöse für 140-jährige Buche bei unterschiedlicher Ertragsklasse und Stammlängenanteil 
  dGZ100 9,1 7,3
5,6
Stammlängenanteil 65 % 25.500 (161 %) 18.000 (114 %) 12.500 (78 %)
(Qualität) 50% 22.000 (139 %) 16.000 (100 %) 10.000 (63 %)
  35% 16.000 (102 %) 11.000 (86 %) 6.500 (41 %)

Für eine mittlere Herkunft mit einem Stammlängenanteil von 50 % ergibt sich ein erntekostenfreier Erlös von rund 16.000 €/ha (Tabelle 5). Wählt man eine wüchsigere Herkunft mit einem höheren Stammlängenanteil, lassen sich bis zu 61 % Mehrerlös erzielen. Mit schwachwüchsigeren Herkünften geringerer Qualität fallen Verluste bis 59 % an.

Folgen falscher Herkünfte

Bei örtlich bewährten Populationen ist das Risiko eines Herkunftsfehlers bei Naturverjüngung von vornherein ausgeschaltet. Wenn jedoch ungeeignete, nicht angepasste oder genetisch stark eingeengte Bestände der Naturverjüngung überlassen werden, ist davon auszugehen, dass erhebliche wirtschaftliche Verluste eintreten können.

Eine Naturverjüngung schlecht veranlagter Bestände oder von Beständen mit eingeengter Basis beinhaltet sowohl das Risiko höherer Ausfälle, geringer Stabilität und geringer Wuchsleistung als auch schlechter Qualität. Die Hoffnung, dass die Natur das schon regeln wird, ist trügerisch, weil die Zeiträume für die natürliche Regeneration der Systeme sehr lang und im Ergebnis offen sind, da auch hier nur das am besten Angepasste ausgelesen wird.

Entspricht Qualität oder Massenleistung nicht, dann Kunstverjüngung ins Kalkül ziehen

Vor jeder Verjüngung hat sich ein Waldbesitzer zu fragen, ob der vorhandene Altbestand die gewünschte Massenleistung erbringt, ob die Qualität ausreichend ist, ob er angepasst ist und ob er weiterhin Anpassungsfähigkeit besitzt. Letztere Frage lässt sich derzeit nicht direkt beantworten.

Wird mindestens eine der Fragen negativ beantwortet, ist zu überdenken, ob eine Kunst- einer Naturverjüngung vorzuziehen ist. Für die künstliche Bestandesbegründung oder für die Ergänzung von Naturverjüngungsflächen besteht außerdem ein kontinuierlicher Bedarf an hochwertigem forstlichen Vermehrungsgut bei einem Baumartenwechsel, um Mischbaumarten einzubringen, nach Sturmereignissen, bei der Erstaufforstung oder der Wiederbewaldung von Immissionsschadgebieten.

Bei der Bestandesbegründung sollte nur forstliches Vermehrungsgut Verwendung finden, das an die klimatischen und edaphischen Eigenschaften eines Standorts angepasst ist. Die Folgen einer ungeeigneten Herkunftswahl werden in der Kulturphase häufig schnell offensichtlich: biotische und abiotische Schäden sowie erhöhte Kosten durch Nachbesserungen und zur Kultursicherung. Anders sieht es aus, wenn sich erst nach 20 oder 30 Jahren starke Wuchsdepressionen oder Ausfälle einstellen.

Mehrere Tausend Euro Unterschied bei erntekostenfreien Erlösen

Noch gravierender sind die Auswirkungen beim Deckungsbeitrag im Umtriebsalter: Auch wenn die Deckungsbeiträge von Jahr zu Jahr von den schwankenden Holzerlösen abhängen, vermitteln sie einen Eindruck über das Potenzial, das in der Herkunftswahl steckt. Bereits eine Änderung um wenige Ertragsklassen bzw. Änderungen in der Qualität bewirken bei den drei Hauptbaumarten Unterschiede in den erntekostenfreien Erlöse im Umtriebsalter von mehreren Tausend Euro.

Selbst wenn für höherwertiges Pflanzgut (zum Beispiel geprüftes Vermehrungsgut) ein Aufschlag von 10 % verlangt würden, verteuerten sich die Kulturkosten je nach Baumart und Pflanzenzahl zwischen 100 und 350 €/ha - ein Betrag, dem deutlich höhere Mehrerlöse im Umtriebsalter gegenüberstehen. Die Umsetzung forstgenetischer Erkenntnisse aus der Herkunftsforschung rechnet sich betriebswirtschaftlich und kann zu höheren Deckungsbeiträge führen.

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