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Alois Zollner

LWF

Bayerische Landesanstalt
für Wald und Forstwirtschaft

Abt. Biodiversität,
Naturschutz, Jagd
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Artikel

Autor(en): Andrea Schleicher, Julia Königer, Reinhard Mosandl
Redaktion: LWF, Deutschland
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Geschickter Umgang mit der Waldweide

Die politisch gewünschte Trennung von Wald und Weide hat neben Vorteilen auch erhebliche Nachteile und führt zu einem hohen Konfliktpotenzial zwischen den beteiligten Interessengruppen. Neue Erkenntnisse und eine geschickte Umsetzung bieten nun die Chance, alle Seiten zu befriedigen ohne auf Vorteile zu verzichten.

Bergbauern
Abb. 1: Bergbauern auf einer Waldweidefläche; auch heute noch gelten die Weiderechte als Symbol für die Unabhängigkeit der Bergbauern (Foto: J. Königer).

Standortabhängig handeln und alle Interessengruppen einbinden

Die Waldweide ist eine jahrhundertealte Doppelnutzung der mitteleuropäischen Wälder, die heute aber nur noch in Teilen der bayerischen, österreichischen und schweizerischen Bergwälder eine nennenswerte Bedeutung hat. Allerdings wird der Waldweide nachgesagt, die Schutzfunktion des Bergwaldes gegenüber Lawinen- und Murenabgängen sowie Erosion zu verringern. Ihre Ablösung ist daher erklärtes politisches Ziel und wird sowohl von der Europäischen Union als auch auf nationaler Ebene verfolgt.

Während die Forstwirtschaft von dieser Politik profitiert, beklagen Vertreter des Naturschutzes und der Almwirtschaft häufig den Verlust artenschutzfachlich oder weidewirtschaftlich wertvoller Flächen. Sie betonen in jüngster Zeit vermehrt den ökologischen und ökonomischen Wert der Waldweide in der heute praktizierten Form. Da außerdem eine generelle Schadwirkung der Waldweide nicht festzustellen ist, wird erneut die Diskussion um die Berechtigung der Waldweide als traditionelle Nutzungsform im Bergwald angestoßen.

Eine differenzierte, standortsabhängige Bewertung ist dabei jedoch unabdingbar. Sie könnte dann aber durchaus zu einer veränderten politischen Einstellung führen, die alle beteiligten Interessengruppen zufrieden stellt.

Interessengruppen im Bergwald

An der Diskussion beteiligen sich vor allem Vertreter der Almwirtschaft, des Naturschutzes und der Forstwirtschaft.

Landwirte sind die Hauptnutzer der Waldweideflächen, die für sie nicht nur eine Erweiterung ihrer Weideflächen darstellen, sondern auch die Futterversorgung während des Auf- und Abtriebs sichern. Nicht zu vernachlässigen ist auch, dass es sich bei den Waldweiderechten um besonders alte, seit mehreren hundert Jahren umkämpfte Rechte handelt. Magin (1949) beschrieb die Situation mit den treffenden Worten: "Nirgends hängt man mit größerer Zähigkeit am Hergebrachten wie beim Alpenwirtschaftsbetrieb".

Der Naturschutz dagegen betrachtet Waldweiden vor allem als Landschaftselemente mit hohem ästhetischen und funktionellen Wert, die sich durch eine Vielzahl ökologischer Nischen und extremen Artenreichtum auszeichnen.

Aus dem Blickwinkel der Forstwirtschaft steht hingegen die Schutzfunktion des Bergwaldes im Vordergrund, auf die sich die Waldweide nachteilig auswirkt. Insbesondere behindere sie die natürliche Verjüngung, dadurch vergreisen die Wälder. Dies führt zu einer ökonomischen und funktionellen Wertminderung der Bergwälder.

Auswirkungen der Waldweide

Mögliche Schadfaktoren der Waldweide
Tab. 1: Übersicht über Faktoren, die die Schadwirkung der Waldweide begünstigen (Königer et al. 2005).

Die Optimierung der Schutzfunktion der Bergwälder liegt im Interesse aller Beteiligten. Doch wird in der Literatur die Schadwirkung der Waldweide nicht generell bestätigt. Vielmehr belegt sie die Komplexität der Zusammenhänge.

So hängt zum Beispiel die auf Grund von Tritt und Verbiss verjüngungshemmende Wirkung der Waldweide vor allem von der Beweidungsintensität, dem Verhältnis Lichtweide zu Waldweide und der Produktivität der Lichtweiden ab.

Gegebenenfalls kann die Verjüngung sogar von der Beweidung profitieren, weil diese die Bodenvegetation zurückdrängt. Und auch in beweideten Wäldern können die Baumstämme so dicht stehen, dass sie Lawinenanrisse verhindern. Viele Autoren betonen, dass Waldweide im Vergleich zu überhöhten Wildbeständen einen allenfalls geringen Effekt auf die Verjüngung besitzt.

Gravierender als der Verbiss wirkt sich nach Meinung vieler Autoren die Bodenverdichtung durch den Tritt der Rinder aus. Die Funktion des Bergwaldes als Wassersenke ist bei starker Bodenverdichtung beeinträchtigt, weil die Speicherwirkung des Bodens verloren geht. Der erhöhte Oberflächenabfluss kann wiederum indirekt Wildbach- und Lawinenschäden erzeugen. Das Ausmaß dieser Beeinträchtigung hängt jedoch von mehreren Faktoren ab, wie zum Beispiel der Geologie und der Beweidungsintensität (Tab. 1).

Positive Aspekte der Waldweide

Christrose
Abb. 2: Die geschützte Christrose (Helleborus niger L. subsp. niger) verschwindet auf aufgelassenen Waldweideflächen, da sie sich auf den zuwachsenden Flächen nicht ausreichend fortpflanzen kann. Auch auf neu geschaffenen Lichtweideflächen findet sie kein ihr zusagendes Habitat (Foto: J. Königer).
 
Gerodete Waldweidefläche im Nationalpark Berchtesgaden
Abb. 3: Gerodete Waldfläche im Nationalpark Berchtesgaden: Als Ersatz für die aufgegebenen Waldweideflächen müssen Lichtweideflächen meist erst durch Rodung geschaffen werden (Foto: J. Königer).
 
Bäume bieten Weidetieren Schutz
Abb. 4: Der Wald wird von den Weidetieren gezielt als Schutz vor Wind, Kälte, Niederschlag, starker Sonneneinstrahlung und Insekten aufgesucht (Foto: J. Königer).

Die Waldweide wirkt sich aber nicht nur auf die Schutzfunktion des Bergwaldes, sondern unter anderem auch auf die Artenvielfalt aus. Das Raumnutzungsverhalten des Weideviehs bewirkt ein kleinräumiges Mosaik verschiedener Lebensräume. Dies bringt im Vergleich mit anderen Nutzungstypen höhere Artenzahlen und einen größeren Anteil schützenswerter Arten mit sich. Dazu zählen seltene Orchideenarten genauso wie Insekten, Reptilien oder das Auerwild.

Vor dem Hintergrund der wachsenden Bedeutung der Erholungsfunktion des Bergwaldes spielt der Einfluss der Waldweide auf die alpine Landschaft eine wichtige Rolle. Waldweide hat die Landschaft der Alpen maßgeblich mitgeprägt und ist konsequenterweise in Überlegungen zu deren Erhaltung einzubeziehen. Umfragen, nach denen Touristen halboffenen und offenen Waldweiden den Vorzug vor geschlossenen Wäldern geben, bestätigen den positiven touristischen Aspekt der Waldweide.

Lösungsansatz der sich an Interessengruppen orientiert

Während also aus naturschutzfachlicher und touristischer Perspektive stichhaltige Gründe für eine Beibehaltung der Waldweide existieren, hängt die Schadwirkung für den Schutzwald von einer Vielzahl von umwelt- und betriebsbedingten Faktoren ab. Doch gerade hinsichtlich Beweidungsform und Flächenstruktur ist der Begriff Waldweide sehr weit gefasst und schließt sowohl intensive Weiden mit nur geringem Baumbestand als auch geschlossene Wälder, die Weidetiere nur unregelmäßig aufsuchen, ein. Eine Lösung der Waldweide-Problematik scheint bei einer differenzierten, standortsabhängigen Betrachtung der Situation prinzipiell möglich.

Voraussetzung ist eine präzise Formulierung des Zielzustandes, der im betreffenden Gebiet Vorrang haben soll. Dabei gebührt im Schutzwald der Schutzfunktion des Bergwaldes eine vorrangige Stellung, so dass eine Ablösung der Waldweide vor allem in lawinen- und erosionsgefährdeten Gebieten nötig erscheint. Dagegen können in Flusstälern und an flacheren Hängen weidewirtschaftliche, naturschutzfachliche und touristische Interessen höher gewichtet werden. Waldweideflächen sind für Almbauern besonders wertvoll, wenn sie für den Auf- und Abtrieb benötigt werden oder sehr produktiv sind. Naturschutzfachliche Aspekte fallen immer dann besonders stark ins Gewicht, wenn schützenswerte Artvorkommen erst auf Grund der Waldweide entstanden sind und sich nur schwer wieder herstellen ließen.

Neben der Trennung von Wald und Weide besteht auch die Möglichkeit, über eine reduzierte Beweidungsintensität (geringerer Bestoß- oder kürzere Beweidungsdauer) die Schadwirkung der Waldweide herabzusetzen. Die genaue, für eine nachhaltige Bewirtschaftung des Waldes tolerierbare Viehdichte muss aber individuell abgeschätzt werden und hängt vor allem vom Futterangebot der Waldparzelle ab.

Einen anderen Ansatz bietet die Veränderung der räumlichen Landnutzungsstruktur. Die Schutzfunktion gegenüber Erosion und Murenabgängen ließe sich z. B. in einem Gebiet schon allein dadurch entscheidend verbessern, dass die Waldweide vorrangig auf besonders empfindlichen Flächen eingestellt oder extensiviert wird, während sie auf den übrigen Flächen noch erhalten bleiben kann (Tab. 1).

Abwägung von Aufwand und Nutzen

Im Zweifelsfalle kann eine Abwägung von Aufwand und Nutzen der Trennung von Wald und Weide als Entscheidungshilfe dienen und überraschende Einsichten eröffnen. Konkret sollte der Frage nach den tatsächlichen Folgen für Almwirtschaft, Forstwirtschaft und Naturschutz bei der Nachfolgenutzung nachgegangen werden.

Eine vollständige Überführung der Waldweideflächen in Bergwälder ist schon allein aus ökonomischen Gründen derzeit nicht möglich, weil der finanzielle Aufwand für die Ablösung der Weiderechte kaum tragbar erscheint. Hinzu kommt, dass viele Bergbauern auf die Waldweideflächen bei der Sömmerung angewiesen sind und diese nicht ohne Ersatz aufgeben können. Bei Aufgabe der Waldweide wird als Ausgleich die landwirtschaftliche Nutzung auf den Lichtweideflächen meist intensiviert. Dadurch büßen magere Wiesen eventuell ihre Biotopqualität ein, das touristische Potenzial der Landschaft kann sinken.

Im ungünstigsten Fall müssen Lichtweideflächen erst mittels Rodung von Waldflächen geschaffen werden. Dies kann einen größeren Verlust an Holzertrag und Schutzwirkung verursachen als die Beibehaltung der Waldweide. Ist eine Rodung unumgänglich, sollten im Sinne des Lawinenschutzes die Rodungsflächen so klein wie möglich gehalten und auf mehrere Gebiete verteilt sowie vorzugsweise naturferne Bestände gerodet werden.

Zukunft der Waldweide

Die Beteiligung aller Interessengruppen ist der Schlüssel zur Lösung der Waldweide-Problematik. Dies sollten alle mit Weiderechtsfragen befassten Stellen beachten. So ist anzuraten, in die bisher nur aus Vertretern der Forst- und der Almwirtschaft bestehende bayerische Weiderechtskommission auch Vertreter des Naturschutzes und der Tourismusbranche einzubinden. Hilfreich wäre auch die Schaffung einer mit der Weiderechtskommission verbundenen Anlaufstelle, die über den derzeitigen wissenschaftlichen und praktischen Kenntnisstand zu Auswirkungen der Waldweide informiert und in konkreten Fällen Handlungsalternativen aufzeigt. Gerade zu Fragen der naturschutzfachlichen Bewertung der Weidewälder und zum Ausmaß der vom Vieh verursachten Schäden am Wald wurden in den letzten Jahren viele neue Erkenntnisse erarbeitet, die in die Diskussion und in die Handlungsempfehlungen mit einfließen sollten.

Auf dieser Basis wäre es möglich, die Interessen aller beteiligten Gruppen zu berücksichtigen und nachhaltige Lösungen für die Waldweide-Problematik zu entwickeln.

Andrea Schleicher ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Biologie und Umweltwissenschaften der Universität Oldenburg.

Julia Königer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Vegetationsökologie der TU München.

Prof. Dr. Reinhard Mosandl leitet den Lehrstuhl für Waldbau an der TU München.

Literatur

Auf Anfrage bei den Verfassern.

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