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Artikel

Autor(en): Kati Hielscher
Redaktion: LFE, Deutschland
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Nordamerikanische Gallmücken (Contarinia spp.) an Douglasien im Nordostdeutschen Tiefland

Im Jahr 2015 wurden erstmals nordamerikanische Gallmücken der Gattung Contarinia an Douglasien in Europa nachgewiesen. Eine Untersuchung in Brandenburg hat gezeigt, dass diese Gallmücken auch hier weit verbreitet sind.

Die Douglasie ist in Mitteleuropa die häufigste eingeführte Baumart auf Forstflächen (Da Ronch et al., 2016). Aus forstwirtschaftlicher Sicht wird bisher oft betont, dass die Douglasie hier ihre Anbauwürdigkeit und -sicherheit bewiesen hat (Göhre, 1958; Galonska, 2010; Rieder, 2014; Vor et al., 2015). In den ersten Jahren des Douglasienanbaus in Europa erschienen die Bäume auch sehr vital. Bald zeigte sich jedoch, dass auch die Douglasie für biotische und abiotische Schäden anfällig ist (Lyr, 1958).

Wüchsiger Douglasienbestand mit Naturverjüngung
Abb. 1: Wüchsiger Douglasienbestand mit Naturverjüngung. Auch in Zukunft noch anbauwürdig und sicher?
Foto: J. Engel

Eingeschleppte Schadorganismen an Douglasien in Europa

Die Douglasien-Wolllaus (Adelges cooleyi (Gillette, 1907)) wurde 1913 erstmals in Europa nachgewiesen, breitete sich in den folgenden Jahrzehnten in Europa aus (Chrystal, 1922; Wimmer, 1935; Francke-Grosmann, 1950) und gilt Hermann (2004) als wichtigste und in Europa am weitesten verbreitete forstschädliche Tierart an der Douglasie. 1922 wurden die Rostige (Rhabdocline pseudotsugae Syd. 1922) und 1925 die Rußige Douglasienschütte (Phaeocryptopus gaeumannii (T. Rohde) Petr. 1938) nach Europa eingeschleppt (Hermann, 2004; Möller und Heydeck, 2009). In den 1950er Jahren verursachte die nordamerikanische Douglasien-Samenwespe (Megastigmus spermotrophus Wachtl, 1893) starke Schäden an Douglasien-Saatgut (Hennig, 1951; Kruel und Teucher, 1958). Weitere Insektenarten folgten der Douglasie nach Europa: 1933 der Amerikanische Nutzholzborkenkäfer (Gnathotrichus materiarius (Fitch, 1858)) und 1999 die Amerikanische Kiefernzapfenwanze (Leptoglossus occidentalis (Heidemann, 1910)) (Balachowsky, 1949; Bernardinelli und Zandigiacomo, 2001; Schmidt, 2004; Rabitsch und Heiss, 2005; Goßner und Ammer, 2006; Goßner, 2008).

Gefährdung der Douglasie in Europa

Einheimische Tierarten begannen sich an die Douglasie anzupassen, verursachten jedoch nicht so schwerwiegende Schäden wie die eingeschleppten Arten und neigen bisher kaum zu Massenvermehrungen (Kruel und Teucher, 1958; Goßner, 2004; Roques et al., 2006; Blaschke et al., 2008; Lemme, 2009; Roques, 2010a; Kownatzki et al., 2011; Rieder, 2014). Heute ist die Douglasie (auch aufgrund der zunehmenden Anbaufläche) einer weiterhin wachsenden Gefährdung durch ihr nachfolgende, eingeschleppte Organismen und auch durch die Anpassung europäischer Schadorganismen, die durch den erwarteten Klimawandel beschleunigt werden könnte, ausgesetzt (Goßner, 2004, 2008; Möller und Heydeck, 2009; Lemme, 2009; Roques, 2010a; Kownatzki et al., 2011; Rieder, 2014; Spellmann et al., 2015a).

Contarinia cf. pseudotsugae: Nadeloberseiten mit Gallen
Abb. 2: Nadeloberseiten mit Gallen von Contarinia cf. pseudotsugae.
Foto: K. Hielscher

Gallmücken an Douglasien

Gallmücken an Douglasien in Nordamerika

Condrashoff beschrieb 1961 drei neue Gallmückenarten, die Gallbildungen an Douglasiennadeln verursachen. Er trennte die folgenden Arten:

Contarinia pseudotsugae (Condrashoff, 1961)

Contarinia constricta (Condrashoff, 1961)

Contarinia cuniculator (Condrashoff, 1961).

Nadeloberseite mit weit entwickleter Galle von Contarinia ssp.
Abb. 3:  Weit entwickelte Galle von Contarinia cf. pseudotsugae.
Foto: K. Hielscher

Die Gallbildungen führen zu einer Verfärbung und meist leichten Deformation des jüngsten Nadeljahrgangs und teilweise zum vorzeitigen Abfallen der betroffenen Nadeln (Abb. 2-3; Simko, 1982; De Angelis, 1994; Hagle et al., 2003). In Nordamerika starben nach mehrjähriger Gallmückenbesiedlung Zweige zurück, ganze Pflanzen starben jedoch nicht ab (Condrashoff, 1962; Hagle et al., 2003). Die verursachten Schäden führten insbesondere in Weihnachtsbaumkulturen zu wirtschaftlichen Verlusten (Simko, 1982; Hagle et al., 2003; Bulaon, 2005).

Gallmücken an Douglasien in Europa und Deutschland

2015 wurden nordamerikanische Gallmücken der Gattung Contarinia an Douglasiennadeln in den Niederlanden, Belgien und Frankreich nachgewiesen (NPPO, 2016; Departement de la sante des forets, 2016; EPPO, 2017). Die morphologische Artbestimmung ergab C. pseudotsugae in den Niederlanden, Belgien und Frankreich sowie in den Niederlanden zusätzlich C. cuniculator. In Deutschland wurde Contarinia pseudotsugae 2016 in den südwestdeutschen Bundesländern Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz nachgewiesen (Schumacher, 2017; Delb et al., 2017a, 2017b).

Gallmücken an Douglasien in Brandenburg

Am Landeskompetenzzentrum Forst Eberswalde (LFE) wurden 103 Zweigproben, die im September 2016 in 31 brandenburgischen Forstrevieren entnommen wurden, untersucht. Von den drei in Nordamerika in Douglasiennadeln minierenden Gallmückenarten wurde an diesen Proben Contarinia cf. pseudotsugae nachgewiesen. Abbildung 4 zeigt neben der Verbreitung der Gallmücke in Brandenburg auch die Orte der Probenahme. Die Gallmücke wurde in 57 % der Proben, jedoch bisher nicht im Südteil Brandenburgs nachgewiesen. Gallen wurden über die gesamte Altersspanne der untersuchten Douglasien (hauptsächlich 3 - 35 Jahre, maximal 61 Jahre) gefunden.

Nachweise der Gallmücke Contarinia ssp. in Brandenburg
Abb. 4: Contarinia cf. pseudotsugae im Land Brandenburg: Nachweise und Probepunkte (grauer Punkt = Probenahmeort ohne Nachweis).

Bewertung der Einschleppung

Aufgrund der Nachweise in der Nähe der brandenburgischen Landesgrenze können auch Vorkommen in Polen und den deutschen Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen erwartet werden. Die bisherigen Funde lassen eine weitere Verbreitung der unscheinbaren, wahrscheinlich oft übersehenen Gallmücke in Deutschland und Europa erwarten. Die Einschätzung der NPPO (2016), dass eine Ausrottung der Gallmücke aufgrund ihrer weiten Verbreitung nicht mehr möglich ist, wird durch die Untersuchung in Brandenburg gestützt. Auch für Deutschland kommt das Julius-Kühn-Institut (JKI) jetzt zu der Einschätzung, dass Eindämmungsmaßnahmen gegen die Gallmücke nicht mehr sinnvoll sind.

Mit C. cf. pseudotsugae ist eine weitere Einschleppung einer an die Douglasie angepassten Insektenart aus Nordamerika nach Europa erfolgt. Für die Douglasie ist die Gallmücke nun mindestens die siebente aus der Heimat des Wirtsbaumes nach Europa nachfolgende forstwirtschaftlich schädliche Art. Eingeführten Wirtspflanzen nachfolgende Insektenarten treffen in der neuen Heimat kaum auf Parasitoide, Prädatoren und Konkurrenten, was oft zu starker Vermehrung, Ausbreitung und größeren wirtschaftlichen Schäden als in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet führt (Roques et al., 2006; 2016; Roques, 2010a).

Wirtschaftliche Bedeutung könnte die Gallmücke hier durch langfristige Zuwachsverluste bei der Produktion von Douglasienholz (derzeit noch nicht abschätzbar), durch ästhetische Qualitätsminderungen von Douglasien als Weihnachtsbaum (Baumart Douglasie jedoch hier mit nachrangiger Bedeutung) sowie für die Produktion von Schmuckreisig erlangen.

Einschleppung von Arten

Die Zahl der Erstfunde eingeschleppter wirbelloser Tierarten nimmt seit dem 16. Jahrhundert exponentiell zu (Roques, 2010b). Wurden anfangs vornehmlich größere Tierarten eher absichtlich eingeführt, gab es eine Verschiebung hin zur unbeabsichtigten Einschleppung eher kleiner, unauffälliger Arten, die übersehen werden und relativ lange unentdeckt bleiben können. Ein bedeutender Einschleppungsweg für pflanzenfressende wirbellose Tierarten ist der zunehmende Handel mit lebenden Garten- und Zierpflanzen (Rabitsch, 2010; Roques, 2010b; Roques et al., 2016). Aufgrund des zunehmenden und beschleunigten internationalen Handels und Verkehrs wird es immer schwieriger, Einschleppungen zu verhindern. Seebens et al. (2017), die die Daten zur weltweiten Einschleppung gebietsfremder Arten seit dem Jahr 1500 auswerteten, kamen zu dem Schluss, dass es keine Anzeichen für eine Verlangsamung der Einschleppungsrate, gibt. Die Autoren erwarten deshalb in naher Zukunft die Einschleppung weiterer gebietsfremder Arten. Sie halten die gegenwärtigen Anstrengungen zum Schutz vor Einschleppungen für völlig unzureichend (Seebens et al., 2017; Wingfield et al., 2015).

Danksagung

Dank gilt meinen Kolleginnen und Kollegen aus den Forstrevieren, Oberförstereien und Landeswaldoberförstereien für die Auswahl der Probebestände und die Probenahme. Besonderer Dank gilt auch Nicola Nier, meiner Kollegin Cornelia Jacob und Wietse den Hartog (Nederlandse Voedsel- en Warenautoriteit).

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