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Dr. Ralf Petercord

LWF

Bayerische Landesanstalt
für Wald und Forstwirtschaft

Abt. Waldschutz
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D-85354 Freising

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Artikel

Autor(en): Olaf Schmidt
Redaktion: LWF, Deutschland
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Neue Tier- und Pflanzenarten – Bereicherung oder Bedrohung?

Indisches Springkraut
Abb. 1: Schönheit oder Gefahr? Das indische Springkraut (Foto: M. Wolfangel).
 
Waschbären
Abb. 2: Bedrohung oder Bereicherung? Der Waschbär (Foto: R. Groß).

Eingeschleppte Tier- und Pflanzenarten werden in den Medien oft als Eindringlinge dargestellt. Bisher sind in Deutschland 1.322 "neue" Tierarten nachgewiesen von denen bereits 262 in unserer Natur fest etabliert sind. Bei den meisten der behandelten und diskutierten neuen Tier- und Pflanzenarten handelt es sich um besonders auffällige oder besonders schadensträchtige Arten v.a. in der Landwirtschaft. Die besondere Bedeutung des Waldes und der dort eingeschleppten bzw. eingeführten Arten kommt bei den meisten Untersuchungen viel zu kurz.

Alle forstlichen Themenfelder werden berührt

In Wald und Forstwirtschaft sind viele Bereiche von der Thematik der eingeschleppten bzw. eingeführten Arten betroffen. Auch die Forstwirtschaft hat durch die Einführung von fremdländischen Baumarten z.B. Douglasie, Strobe, Roteiche, Robinie, Spätblühende Traubenkirsche etc. im Bereich Waldbau zu dieser Thematik beigetragen.

Ein großer Bereich, der von Neozoen und Neophyten berührt wird, ist der Waldschutz. Das Ulmensterben und der Strobenrost sind Beispiele für Pilzkrankheiten, die erst durch den Menschen zu uns gelangten und entsprechende Schäden an Waldbäumen verursachten. Auch die Erlenerkrankung, die wohl auf eine Hybridisierung zweier Phytopthora-Arten zurückgeht, ist eine für Mitteleuropa neue Erscheinung.

Traditionellerweise ist auch die Jagd und die Wildökologie vom Thema "Neue Arten" betroffen, denn einige unserer Wildarten wie Dam- und Muffelwild, Fasan und Kaninchen, aber auch Waschbär, Marderhund und Mink zählen zu den Neozoen.

Gefährden Neozoen die Biodiversität?

Biologische Invasionen sind innerhalb des Naturschutzes und auch in der Öffentlichkeit ein viel beachtetes Thema. Das Übereinkommen über die biologische Vielfalt (CBD) als konkretes Ergebnis des Erdgipfels für Umweltentwicklung in Rio de Janeiro (Juni 1992) hat die invasiven exotischen Arten als wichtigen Grund für Gefährdung der biologischen Vielfalt erkannt. Artikel 8 (h) enthält die Verpflichtung, "soweit möglich und sofern angebracht, die Einbringung gebietsfremder Arten, welche Ökosysteme, Lebensräume, Arten gefährden, zu verhindern und diese Arten zu kontrollieren oder zu beseitigen". Die entscheidende Frage hierbei ist, ob die Ökosysteme, Lebensräume, Arten, tatsächlich gefährdet werden.

Viele Beispiele aus der gesamten Welt zeigen den negativen Einfluss, den neu eingeführte Tier- und Pflanzenarten auf die vorhandenen Floren und Faunen ausüben können. Es handelt sich dabei jedoch meist um Beispiele von Inseln oder sonst wie isoliert gelegenen Biotopen (z.B. Viktoriasee/ Nilbarsch). Auf den Galapagosinseln wird versucht, die dortige einmalige Flora und Fauna von den eingeschleppten Hunden, Katzen, Ratten und Ziegen wieder zu befreien. Auf Hawaii starben seit der Entdeckung bereits 23 der 67 einheimischen Vogelarten, auch unter Mithilfe konkurrenzstärkerer eingeschleppter Arten aus. Auf der Pazifikinsel Guam wurden bereits 21 endemische Tierarten durch die aus Australien während des 2. Weltkrieges eingeschleppte Braune Nachtbaumnatter ausgerottet.

In Mitteleuropa muss man die ökologische Gefährdung allerdings anders einschätzen. Hier konnte noch kein Fall nachgewiesen werden, dass eine einheimische Tier- oder Pflanzenart durch eine eingeschleppte Tier- oder Pflanzenart ausgerottet wurde. Es kann aber auch nicht ausgeschlossen werden, dass dies bereits erfolgte oder noch geschehen wird. Der Erfolg von neuen Arten erfordert das Zusammenspiel einer ganzen Reihe verschiedener Faktoren.

Das eigentliche Problem bei vielen fremden Tier- und Pflanzenarten ist, dass nicht sachlich und fachlich, sondern oft ideologisch diskutiert wird. Wir müssen aber auch erkennen, dass unsere Ökosysteme nie statisch, sondern immer dynamisch mit ständiger Veränderung zu sehen sind

Neobiota
Dieser Begriff steht für Lebewesen allgemein, die seit 1492 (Entdeckung Amerikas) durch den Menschen absichtlich oder zufällig, in für sie auf natürlichem Wege unerreichbare Gebiete, gelangt sind und sich erfolgreich fortpflanzen und ausbreiten. 

Neozoen
Neozoen sind Tierarten, die definitionsgemäß nach dem Jahr 1492 unter direkter oder indirekter Mitwirkung des Menschen in ein bestimmtes Gebiet gelangt sind und dort wild leben (rund 1.300 Neozoenarten in Deutschland).

Neophyten
Dieser Begriff steht für seit der Entdeckung Amerikas eingeschleppte oder eingebürgerte Pflanzenarten. Neben besonders auffälligen Arten wie der Kanadischen Wasserpest (Elodea canadensis) oder dem Indischen Springkraut (Impatiens glandulifera) zählen auch forstlich relevante Baumarten wie Roteiche (Quercus rubra), Strobe (Pinus strobus) und Douglasie (Pseudotsuga menziesii) zu den Neophyten.

Neomyceten
Seit 1492 eingeschleppte Pilze, von denen es immerhin schon 41 nicht heimische Großpilze in Deutschland gibt.

Pflanzenschutz als dringende Aufgabe

Um eine Ein- bzw. Verschleppung von Schadorganismen zu verhindern, existieren verschiedene gesetzliche Regelungen. Rechtliche Grundlage für Quarantänemaßnahmen ist die Richtlinie 2000/29/EG des Rates. Zuständig für die Durchführung der Pflanzenbeschau und Anordnung von Maßnahmen sind in Deutschland die Pflanzenschutzdienste der Bundesländer, in Bayern z.B. die Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL).

Mit diesen strengen Quarantäneregelungen konnte z.B. bisher die Einschleppung der gefährlichen Amerikanischen Eichenwelke nach Mitteleuropa bisher wirksam verhindert werden (Stand: 2004). Als neue Quarantäneschädlinge werden auch der Asiatische Laubholzbockkäfer (Anoplophora glabripennis, ALB), der Kiefernholznematode (Bursaphelenchus xylophilus) und Phytophthora ramorum genannt. Gerade bei eingeschleppten Tier- und Pflanzenarten mit Schadpotenzial für einheimische Bäume müssen Forstleute und Waldbesitzer mit großer Aufmerksamkeit ihre Bestände beobachten. Die negativen Beispiele des Ulmensterbens und des Strobenrostes sollte uns zu denken geben. Im Vordergrund steht keine Panikmache, sondern die sachliche Information über das Schadpotenzial solcher Erreger. Daher ist es notwendig, dass auch Forstpersonal entsprechend über Schadpotenzial und über die Symptomatik der Krankheiten geschult und fortgebildet wird, um vor Ort auch fachkundige Kontrollen durchzuführen.

Archäophyten und Archäozooen
Archäophyten bzw. Archäozoen sind bereits seit prähistorischer oder frühester historischer Zeit in einem Gebiet eingebürgerte Pflanzen und Tiere. Die meisten Arten wurden mit dem Ackerbau und den größeren Siedlungen seit der Jungsteinzeit eingeschleppt bzw. eingebürgert. Dazu zählen viele Kulturpflanzen wie Weizen oder Wein sowie die meisten Ackerunkräuter (Kornblume etc.). Aber auch Baumarten wie Esskastanie (Castanea sativa) und Walnuss (Juglans regia) wurden schon zur Römerzeit in klimatisch begünstigten Gebieten Deutschlands kultiviert und werden heute nur noch von den wenigsten Menschen als "Fremdländer" empfunden.

Verpackungshölzer als Gefahrenpotential

Gerade die weltweit vorhandenen Warenströme im Zuge der Globalisierung verbringen oft ungewollt Schadorganismen über Ländergrenzen. Für Forst und Wald spielen besonders importierte Holzverpackung eine entscheidende Rolle. Nur ein Beispiel: Der ALB wurde mit Verpackungsholz nach Österreich verschleppt und konnte bisher noch nicht wieder ausgerottet werden. 70 % aller Containersendungen enthalten in irgendeiner Weise Holzverpackungen oder Stauholz. Eine gezielte Überprüfung ist oftmals durch den Pflanzenschutzdienst kaum möglich. Einer Risikoanalyse zu Folge aus den USA sind 97 % aller Baumschadorganismen mit Verpackungsholz verbunden (Schröder 2004). Wichtig ist, das neue Schäden bzw. Schaderreger rasch erkannt und bestimmt werden. Hierzu sind Aufmerksamkeit vor Ort und Spezialisten, z.B. im Bereich der Forstentomologie und -mykologie notwendig, die die phytosanitären Standards beachten (Schorn/Unger 2003).

Invasive Arten
Bei invasiven Arten handelt es sich um, einmal eingeschleppt, sich schnell verbreitende und ökologisch, ökonomisch oder gesundheitlich bedenkliche Arten.Nicht jede gebietsfremde Art ist "invasiv". Viele Arten werden eingeschleppt, verschwinden aber bald nach ihrem Auftreten wieder oder fügen sich in das Ökosystem ein. Andere jedoch gefährden durch Lebensraumveränderungen, Verdrängen heimischer Arten, oder auch durch Hybridisierungen und Einkreuzen fremden genetischen Materials die heimische Natur. Für gebietsfremde (allochthone) Arten, die in heimische (autochthone) Pflanzengemeinschaften eindringen, sie stören oder gar zerstören, hat sich der Begriff invasive Neophyten eingebürgert. Als Beispiel für invasive Arten können der Riesenbärenklau (Heracleum mantegazzianum) oder der Ochsenfrosch (Rana catesbeiana) gelten.

Bereicherung oder Bedrohung für unsere Wälder?

So einfach wie die Fragestellung ist, so schwierig lässt sie sich beantworten. Ein Großteil der neu eingeführten Tier- und Pflanzenarten wird sich relativ problemlos in unsere Ökosysteme einpassen, sofern freie ökologische Nischen vorhanden sind, und hier mehr oder weniger unauffällig weiter existieren. Ein kleiner Teil muss aufgrund seines Risikopotenzials jedoch genauer beobachtet werden. Bekämpfungsmaßnahmen wird es aber nur nach einer Kosten-Nutzen-Analyse im Rahmen von Einzelfalluntersuchung geben. Im Wald ist bei der Frage der Bekämpfung von Neophyten v.a. kritisch zu fragen, ob diese Art einheimische Lebensräume oder Arten bedroht und verdrängt oder die Verjüngung standortsgerechter Wälder verhindert.

Insgesamt sollten wir uns hüten, vorschnelle Urteile über neu eingeführte Pflanzen- und Tierarten zu fällen. Keinesfalls sollten wir in Hysterie und "Ökofaschismus" verfallen. Gleichzeitig sollten wir aber gerade diese Arten nicht verharmlosen und besonders gut beobachten und bei bekanntem Schadpotenzial durch konsequente Anwendung der Pflanzenbeschau die Einschleppung nach Mitteleuropa verhindern. Hierzu sind gute Beobachtung und Experten vor Ort, die man kontaktieren kann, unverzichtbar.

Literatur

Geiter, O.; Homma, S.; Kinzelbach, R. (2002): Bestandsaufnahme und Bewertung von Neozoen in Deutschland, Umweltbundesamt Texte 25/02, 174 S.

Reichholf, J. (1995): Die Natur wieder zulassen, in: Einwanderer - neue Tierarten erobern Österreich, Stapfia 37 ISBN 3-900746-78-8, 275 S.

Reichholf, J.; Deigele, C. (2001): Gebietsfremde Arten, die Ökologie und der Naturschutz, Bay. Akademie der Wissenschaften Bd. 22, Dr. Friedrich Pfeil Verlag, ISBN 3-931516-92-X.

Schorn, K.; Unger, J.-G. (2003): Schutz vor invasiven gebietsfremden Arten, AFZ/Der Wald 21/2003, S. 1100-1101.

Schröder, T. (2004): Eingeschleppte Schadorganismen an Bäumen. Jahrbuch der Baumpflege 2004, S. 30-40.

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