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Artikel

Autor(en): Monika Frehner (externe Autorin)
Redaktion: WSL, Schweiz
Kommentare: Artikel hat 0 Kommentare
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Gebirgswaldpflege – es kommt auf den Standort an

Die Gebirgswaldpflege in der Schweiz stützt sich stark auf den Standort ab. Dieser Beitrag beschreibt die Verflechtung zwischen Standort und Gebirgswaldbau in der Schweiz.

Zwergbuchs-Fichtenwald
Abb 1 - Zwergbuchs-Fichtenwald (53), Vättis SG
Foto: Markus Bichsel

OTT et al. (1997) definieren den Standort folgendermassen:

"Unter dem Standort eines Baumbestandes verstehen wir die Gesamtheit aller Einflüsse, die auf die Bäume des Wald-
bestandes wirken (zum Beispiel Klima, Eigenarten des Bodens, Lawinen, Steinschlag etc.)."

Die Einflüsse, die einen Baumbestand prägen, sind meistens nicht genau abgrenzbar, sondern verlaufen fliessend. Diese Vorstellung ist in der angelsächsischen Wissenschaft schon lange als Continuums-Theorie bekannt. Da sich das Arbeiten mit Einheiten aber eingebürgert und bewährt hat, arbeitet man trotzdem oft mit einem Typensystem als "gedankliche Konstruktion".

Mit Hilfe dieser Typen versucht man dann, die in der Natur vorkommenden Verhältnisse zu erklären (z.B. Einteilung der Waldgesellschaften). Deshalb werden bevorzugt Standortstypen beschrieben und nicht Standorte - beispielsweise in der Wegleitung für Pflegemassnahmen in Wälder mit Schutzfunktion oder im Buch "Gebirgsnadelwälder".

OTT et al. (1997) definieren den Standortstyp so:

"Aus der Betrachtung realer Standorte abgeleitete idealisierte Beschreibung eines Standortes. In dieser Beschreibung kann ein ähnlicher realer Standort erkannt werden. Der Standortstyp wird durch floristische, standörtliche und strukturelle Merkmale charakterisiert."

Neben Boden und Vegetation beschreibt man den Standortstyp allgemein auch mit der Höhenstufe, der Region, der Hangneigung und  der Exposition. Eine Skizze und eine Foto ergänzt die Beschreibung. Alle Angaben zu den Standortstypen sind eine Synthese aus gesichertem Wissen, Erfahrungswissen und Beobachtungen.

Erscheinungsbild des Naturwaldes

Der Naturwald ist dynamisch; neben den Klimaxbaumarten gehören auch die Pionierbaumarten zum Erscheinungsbild. Die maximale Bestandeshöhe und das Gefüge geben Hinweise auf die Produktivität, aber auch auf die Dynamik, die zu erwarten ist. Die untenstehende Tabelle zeigt am Beispiel der Standortstypen "Alpenlattich-Fichtenwald mit Heidelbeere (57V)" und "Typischer Hochstauden-Tannen-Fichtenwald (50)" das Erscheinungsbild des Naturwaldes. Beim Alpenlattich-Fichtenwald mit Heidelbeere ist die Produktivität geringer als beim Typischen Hochstauden-Tannen-Fichtenwald, das Wachstum ist langsamer, die Struktur viel offener.

Standortstyp Alpenlattich-Fichtenwald mit Heidelbeere (57V)
Typischer Hochstauden-Tannen-Fichtenwald (50)
Baumarten Fichte dominiert, dazu Vogelbeere; in ozeanischen Gebieten einzelne Tannen, in kontinentalen Gebieten Lärche (Pionier) und eventuell einzelne Arven.
Tanne und Fichte dominieren, dazu Vogelbeere, in basischen Ausbildungen etwas Bergahorn, Pionierbaumarten.
Maximale Bestandeshöhe 25–35 m 30–40 m
Gefüge Schlussgrad räumig; ausgeprägte Rottenstruktur mit Schneelöchern.
Sehr wüchsiger Standort, Schlussgrad normal bis locker; Einzelbäume und Kleinkollektive.
Foto
Alpenlattich-Fichtenwald mit Heidelbeere

Abb. 2- Alpenlattich-Fichtenwald
mit Heidelbeere (57V), Sumvitg GR
Foto: Markus Bichsel

Typischer Hochstauden-Tannen-Fichtenwald

Abb. 3 - Typischer Hochstauden-
Tannen-Fichtenwald (50), Says GR
Foto: Markus Bichsel

Waldbau an limitierende Faktoren anpassen

Wälder in Hochlagen sind rauhen Bedingungen ausgesetzt. Wärmemangel, üppige Bodenvegetation oder Pilzkrankheiten beinflussen die Baumverjünung stark. Mit Hilfe der Standortskunde lassen sich diese negativen Einflüsse als sogenannte limitierende Faktoren einem Standortstyp zuordnen und so auf andere Flächen dieses Standortstypes übertragen.

Die limitierenden Faktoren weisen allgemein auf Probleme bei der Waldbehandlung hin. Als Beispiele eignen sich der Typische Hochstauden-Fichtenwald (60) (Abb. 4) und der Typische Preiselbeer-Fichtenwald (58) (Abb. 5): Obwohl beide Standortstypen subalpine Fichtenwälder beschreiben, sind die limitierenden Faktoren sehr unterschiedlich. Beim Typischen Hochstauden-Fichtenwald wirken Schneeschimmel und Bodenvegetation limitierend, beim Typischen Preiselbeer-Fichtenwald Austrocknung, Schneegleiten sowie Frosttrocknis und Spätfroste. Aus diesem Grund sollten Förster die waldbaulichen Massnahmen an die verschiedenen limitierenden Faktoren der jewiligen Waldgesellschaft anpassen.

Standortstyp Typischer Hochstauden-Fichtenwald (60) Typischer Preiselbeer-Fichtenwald (58)
Limitierende Faktoren
  • Schneeschimmel (Herpotrichia juniperi): Er bestimmt wesentlich die dauernd nadelwaldfeindlichen Kleinstandorte und wirkt grossflächig.
  • Bodenvegetation: Sie bestimmt wesentlich die vorübergehend nadelwaldfeindlichen Kleinstandorte.
  • Austrocknung: Auf Moder (trockene Ausbildung) verhindert die Austrocknung die Keimung weitgehend, falls der Kleinstandort direkt überschirmt oder stark besonnt ist.
  • Schneegleiten: An südexponierten Hängen wird das Aufkommen der Verjüngung auf offenen Flächen ohne Schutz durch Baumstrünke, Steine usw. stark behindert.
  • Frosttrocknis und Spätfroste: An Stellen mit wenig Schnee und früher Ausaperung (südexponierte Hänge mit Schneegleiten, sowie Rippen und Kreten) ist die Verjüngung gefährdet.
Waldbau Moderholz ist eine wichtige Voraussetzung zur Verjüngung der Fichte. In Mulden muss das Moderholz aber sehr dick sein, damit die Fichtenverjüngung nicht zu stark unter der Konkurrenz der Hochstauden und unter Schneeschimmel leidet. Als Ersatz können Bodenschälungen auf erhöhten Kleinstandorten dienen.

Hochstaudenrhizome, die tief verankert sein können, sollten soweit als möglich entfernt werden. Solche Stellen müssen nachher regelmässig gepflegt werden, damit die Streu der benachbarten Krautvegetation im Winter die Verjüngung nicht überdeckt und zerstört.

Für die Einleitung der Fichtenverjüngung muss Holz liegen gelassen werden, ausser wenn schon viel Totholz vorhanden ist. Damit die Fichtenverjüngung aufwachsen kann, sind mindestens 2 Stunden Juni-Sonne pro Tag auf die Bodenoberfläche zu bringen. Besonders in gleichförmigen Beständen sind meistens
schmale, lange Schlitze notwendig. Die Verjüngung ist schwieriger als im Hochstauden-Fichtenwald mit Alpenwaldfarn, da die versauerten Kleinstandorte seltener sind.

Verjüngungsgünstige Stellen sind nicht überschirmt. Der Niederschlag muss ungehindert auf den Boden gelangen können. Auf Kleinstandorten mit trockener organischer Auflage und starker Besonnung sind die Ansamungsbedingungen besonders ungünstig. Mineralerde ist günstig für die Ansamung. Ein lockerer Reitgrasrasen verhindert die Verjüngung nicht.

An schattigeren Stellen mit weniger starker Austrocknung kann auch Moderholz verjüngungsgünstig sein. Gut verankertes Totholz ist günstig als Schutz gegen Schneegleiten oder Schneekriechen. Für den Aufwuchs der Fichte sind im Juni mindestens 2 Stunden Sonne pro Tag notwendig, bei der Lärche mindestens 4 Stunden.

Die Verjüngung von Fichte und Lärche kann mit Bodenschürfungen (bis auf Mineralerde, nicht unter Schirm) um Baumstrünke herum oder an anderen verjüngungsgünstigen Stellen eingeleitet werden. Zur Förderung der Verjüngung sind kleine schlitzförmige Öffnungen günstig. Achtung: zuviel Sonne (vor allem mittags) verursacht Trockenheit, was zu grossen Ausfällen bei der Fichtenverjüngung führen kann. Für die Lärche sind grössere Eingriffe notwendig als für die Fichte.

Fichten verjüngen sich relativ gut im Bereich der Wurzelanläufe von alten Lärchen. Ist der Anwuchs gesichert, so wachsen sie rasch in die Kronen der Lärchen und schädigen diese oder sich selbst. In diesen Fällen muss rasch reagiert werden.

Foto
Typischer Hochstauden-Fichtenwald

Abb. 4 - Typischer Hochstauden-
Fichtenwald (60), Davos GR
Foto: Markus Bichsel

Typischer Preiselbeer-Fichtenwald

Abb 5 - Typischer Preiselbeer-
Fichtenwald (58), Disentis GR
Foto: Markus Bichsel

Manchmal geben die limitierenden Faktoren auch Hinweise auf Naturgefahren. Beim "Mehlbeer- Ahornwald, 23" stehen beispielsweise Schutt, Austrocknung, Lawinen sowie Stein- und Eisschlag im Vordergrund.

Rückschlüsse für den Naturschutz

Heidelbeer-Tannen-Fichtenwald mit Torfmoos
Abb. 6 - Heidelbeer-Tannen- Fichtenwald mit Torfmoos (46*), Grabs SG
Foto: Monika Frehner

Der Standortstyp kann auch Hinweise hinsichtlich des Naturschutzes geben. Zum Beispiel lässt sich daraus schliessen, was für Pflanzenarten an einem bestimmten Standort potenziell gedeihen können und für welche Tierarten sich der Lebensraum grundsätzlich eignen würde. Zwei Beispiele:

  • Der Zwergbuchs-Fichtenwald (53) (Abb. 1) ist geeignet als potentieller  Lebensraum gefährdeter Arten (z.B. Dreizehenspecht, Kreuzotter). Die Krautschicht ist artenreich, häufig kommen Orchideen vor. Er ist oft Wintereinstand von Schalenwild.
  • Auch der Heidelbeer-Tannen-Fichtenwald mit Torfmoos (46*) (Abb. 6) ist Lebensraum gefährdeter Arten.  Diese Waldgesellschaft ist besonders als Lebensraum des Auerwilds bedeutsam.

Literatur

  • Ott, E., Frehner, M., Frey, H. U., Lüscher, P. (1997): Gebirgsnadelwälder: praxisorientierter Leitfaden für eine standortgerechte Waldbehandlung. Verlag Paul Haupt, Bern u.a.

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