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Stefan Tretter

LWF

Bayerische Landesanstalt
für Wald und Forstwirtschaft

Abt. Waldbau und Bergwald
Hans-Carl-von-Carlowitz-Pl. 1
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Artikel

Autor(en): Redaktion waldwissen.net – LWF
Redaktion: LWF, Deutschland
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Waldbauliche Erfahrungen mit der Vogelkirsche

Elitestamm
Abb. 1: Elitestamm (Foto: L. Albrecht)
 
Aus falscher Herkunft
Abb. 2: Die Pflanzung falscher Herkünfte führt zu schlechten Formen: "Apfelbäume" statt Wertholzproduktion (Foto: L. Albrecht).
 
Ringeln
Abb. 3: In der Qualifizierungsphase gilt der Grundsatz "Dickung bleibt Dickung". Die maximal zwei Entnahmen je Ar erfolgen am besten durch Ringeln (Foto: L. Albrecht).

In den Wäldern der Fränkischen Platte und des Südlichen Steigerwaldes kommt die Vogel- oder Wildkirsche (Prunus avium) von Natur aus vor. Sie hat dort schon immer einen festen Platz als "edle Holzart". Kennzeichnend für diese Region sind ein relativ geringes Bewaldungsprozent, Höhenlagen zwischen 250 und 500 Metern über NN, geringe Jahresniederschläge (550-650 Millimeter) und hohe Jahresdurchschnittstemperaturen (8,5°C, Tendenz steigend). Die Kirschen wurden auf Windwurfflächen teilweise in großem Stil eingebracht. Die folgenden Erfahrungen stammen meist aus ehemaligen Mittelwäldern, Laub-Hochwäldern und Wiederaufforstungsflächen nach Schadereignissen.

Waldbauliche Eigenschaften der Kirsche

Standort: Die Vogelkirsche bevorzugt tiefgründige, mäßig frische bis frische Standorte (StO) mit hoher Basensättigung in sonnig-warmer Lage. Auf basenreichen StO kommt sie auch mit Trockenheit gut zurecht. Die Streu zersetzt sich gut und wirkt bodenpfleglich. Vogelkirschen eignen sich nicht für saure, dichte, staunasse oder nährstoffarme StO.

Wurzeln: Das weitreichende, flach angelegte Herzwurzelsystem hat einen geringen Tiefenaufschluss und geringe Feinwurzelaktivität, jedoch ausgeprägte Seitenwurzeln. Neben wenigen Grobwurzeln gibt es zahlreiche, weitstreichende mittelstarke Wurzeln. Diese ermöglichen eine stammzahlreiche Wurzelbrut bis zu 15 Metern um den Stamm.

Lichtbedarf: Die Licht- bis Halbschattbaumart verträgt vor allem in der frühen Jugendphase (bis zum Alter 10) eine gewisse Beschattung. Sie erträgt jedoch keine anhaltende Überschirmung und langjährigen Seitenschatten nur bei bester Nährstoffversorgung. Bestandeslücken, in die die Vogelkirsche eingebracht wird, sollten mindestens 0,1 Hektar groß sein. Lichtmangel führt zu sinkender Vitalität, Totästen und Wassereisern. Rasche Freistellungen führen immer zu Wasserreisern und Klebästen, in ungünstigen Fällen auch zu Rindenbrand.

Wuchsdynamik: Neben Aspe und Bergahorn ist die Kirsche auf nährstoffreichen StO die Baumart mit dem schnellsten Jugendwachstum. Die Längen der Höhentriebe variieren je nach StO zwischen 25 und 100 Zentimetern. Das Höhenwachstum kulminiert zwischen 15 und 25 Jahren. Der aufrechte, wipfelschäftige Trieb macht die Jungpflanze gegenüber hohem Gras oder Brombeere relativ konkurrenzstark. Bis zum Alter 50 bis 60 bleibt die Kirsche auf günstigen StO vorwüchsig. Durchschnittliche Jahrringbreiten von vier bis fünf Millimetern sind möglich.

Risiken

Spätfrost: Vogelkirschen sind Frühtreiber und Frühblüher. Vor allem die Blüten sind spätfrostgefährdet. Seitenschutz von Nachbarbeständen wirkt sich positiv auf das Jugendwachstum aus.

Windwurf: Aufgrund des flachen Wurzelsystems, früh einsetzenden Wurzelfäulen und der Vorwüchsigkeit besteht ein relativ hohes Windwurfrisiko.

Bakterien- und Pilzkrankheiten: Kirschen sind als Rosengewächse erheblich von Bakterien- und Pilzkrankheiten betroffen. Bakterienbrand (Pseudomonas syringae) und Feuerbrand (Erwinia amylovora) gefährden die Kirsche. Spitzendürre und Triebsterben, verursacht von Pilzen der Gattung Monilia, beeinträchtigen die Kronenvitalität und führen bei Jungpflanzen zu Einschnürungen und Entwertungen im unteren Stammabschnitt. Die Blätter werden beispielsweise von der Blattbräune (Apiognomonia erythrostroma), der Sprühfleckenkrankheit (Phloeosporella padi) oder der Schrotschusskrankheit (Stigmina carpophila) befallen.

Verbiss, Fegen: Vogelkirschen werden vom Rehwild bevorzug verbissen und gefegt. Ebenso ist Mäusefraß ein ernsthaftes Problem. In manchen Fällen verhilft der Rückschnitt auf den Wurzelhals wieder zu ordentlichen Wuchsformen.

Wurzel- und Stammfäulen: Wurzelfäulen beginnen manchmal schon ab dem Alter 50, bereits mit 80 Jahren setzt regelmäßig Stammfäule ein.

Ziele des Waldbaus mit Vogelkirsche

Diversifikation: Wildkirschen liefern ein marktgängiges, immer wieder stark nachgefragtes Sortiment. Auf geeigneten StO werden schnell hohe Wertzuwächse erzielt.

Waldbauliches Produktziel: Die Produktionsdauer beträgt nur 60 bis 80 Jahre. Verwertbar für die Furnierindustrie sind Stämme bereits ab etwa 45 Zentimeter Mittenduchmesser mit einer Mindestlänge von 2,5 Metern. Daher zielt die Pflege auf

  • Einzelbaumvitalität mit einer solitärartigen Krone von mind. 10 Metern Durchmesser,
  • Stabilität durch einen tiefliegenden Stamm- und Kronen-Schwerpunkt,
  • einen astfreien, geraden, sechs bis acht Meter langen (= ¼ der Endhöhe) Schaft mit BHD mind. 60 Zentimeter,
  • einen gleichmäßigen Durchmesserzuwachs von bis zu einem Zentimeter im Jahr.

Holzqualität: Ziel ist hochwertiges Möbel- und Furnierholz mit gleichmäßiger, milder, honiggelber bis rötlicher Färbung, gleichmäßigem und spannungsfreiem Aufbau, gleichmäßigen breiten, konzentrischen Jahrringen ohne Grünstich bzw. Grünstreifigkeit, ohne Fäule und Jahrringsprünge. Kirschenwertholz kann Spitzenerlöse zwischen 500,- und 1.200,- €/fm erzielen.

Ökologische Bereicherung: Blühende, fruchttragende oder im Herbstlaub stehende Kirschen sind eine ästhetische und ökologische Bereicherung des Landschaftsbildes.

Waldbaukonzept

Bestandsbegründung, Pflanzung: Die Begründung großflächiger reiner Kirschenbestände über 0,5 Hektar kann nicht empfohlen werden. Zu bevorzugen sind trupp- bis gruppenweise Zeitmischungen. Bei Kunstverjüngung sollten 5.000 Pflanzen pro Hektar – davon jede 5. Pflanze ein Schattlaubbaum (z.B. Hainbuche, Rotbuche, Linde) – gesetzt werden. Damit wird ein ausreichender Dichtstand in der Qualifizierungsphase (vgl. Tabelle) erreicht. Bewährt hat sich das Sortiment 1+0 (30-50 oder 50-80 Zentimeter).

Naturverjüngung: Sind Altbäume in der Nähe, sorgen Vogelsaat und Wurzelbrut für Naturverjüngung. Kernwüchse sind gegenüber der Wurzelbrut wuchsunterlegen. Wurzelschößlinge können schon nach ein bis zwei Jahren von ihrer Trägerwurzel frei werden.

Herkünfte: Die Vogelkirsche unterliegt seit 2003 dem Forstvermehrungsgutgesetz (FoVG). In Deutschland sind vier Herkunftsgebiete ausgeschieden. Bei Pflanzungen sollten ausschließlich bewährte wipfelschäftige Kirschenherkünfte verwendet werden. Das örtlich verwendete Saat- und Pflanzgut sollte nicht immer aus demselben zugelassenen Erntebestand stammen, um genetische Einengungen zu vermeiden.

Qualifizierung: In der Jugend benötigen die Kirschen Dichtstand und Seitendruck. In der Jungbestandspflege finden in der Regel nur ein, maximal zwei schwache Pflegedurchgänge statt. Dabei werden nur Protzen, krebsige Bäume oder unerwünschte Mischbaumarten zurückgenommen. Es gilt der Grundsatz "Dickung bleibt Dickung", der maximal 200 Entnahmen je Hektar, am besten mittels Ringeln oder Köpfen, erlaubt. An den Eliteanwärtern dürfen keine stärkeren Steiläste oder Zwiesel entstehen. Bis zur Ausformung grünastfreier, gerader, ausreichend langer Schäfte sind die Kirschen im Dichtstand zu belassen. Als "qualifizierende Baumarten" eignen sich je nach StO Buche, Hainbuche, Linde oder Hasel. Eine Buchenumfütterung ist für den Seitendruck und die rechtzeitige Totastbildung oft besser als gleichwüchsige Nachbarkirschen. Entscheidend ist, dass die Kirschen ihren Wuchsvorsprung behalten.

Astung
Abb. 4: Wer Kirschen-Wertholz produzieren will, muss den Erdstamm zwingend asten (Foto: L. Albrecht).
 
Kirschen-Wertholz
Abb. 5: Kirschen-Wertholzstamm auf dem Lagerplatz (Foto: L. Albrecht).
 
Buntspecht
Abb. 6: Ein Buntspecht an seiner Bruthöhle in einem kernfaulen Kirschbaum (Foto: L. Albrecht).

Auswahl der Elitebäume: Die gewünschte grünastfreie Schaftlänge von 25 Prozent der erwarteten Endhöhe wird im Alter von 17 bis 22 Jahren erreicht. Die Elitebäume sollten in dieser Phase folgende Kriterien erfüllen:

  • große vitale Kronen
  • kein Triebsterben
  • gerade, zweischnürige Stämme ohne Zwiesel und tiefansetzende Steiläste
  • ohne Rindenkrebs oder Gummifluss

Zwischen den Elitebäumen sollten mindestens 12, besser noch 14 Meter Abstand liegen. In der Summe aller Baumarten werden 40 bis 60 (max. 80) Stämme pro Hektar als Elitebäume ausgewählt. Der Bestand an Elitebäumen wird schrittweise, abhängig vom unterschiedlichen Qualifizierungsfortschritt, über mehrere Jahre aufgebaut. Es besteht das Risiko, dass die frühdynamische Baumart Kirsche einen zu großen Anteil an der Bestandsfläche erhält. Um für anderen Baumarten Standraum zur Verfügung zu haben und zur Risikostreuung sollte die Wildkirsche nicht mehr als 25 Prozent der Bestandsfläche einnehmen. Das entspricht im Mischbestand einer Obergrenze von 15 bis 20 "Elitekirschen" je Hektar.

Förderung der Elitebäume: Die Elitebäume sind so freizustellen, dass keine Berührung mit den Nachbarkronen mehr möglich ist. Als Faustformel gilt: Stammabstand zu Nachbarn ≥ 25-facher BHD der Kirsche. Wegen der großen Gefahr der Wasserreisebildung sollten nicht mehr als zwei Bedränger gleichzeitig entnommen werden. Ist dies doch erforderlich, sollte die Freistellung auf zwei Eingriffe verteilt werden. Einseitigen Kronen wird zunächst auf der vitaleren Kronenseite Licht gegeben. Kronenfreistellungen auf der bedrängten Seite bergen im Folgejahr zwei Risiken in sich: Kronenbruch aufgrund der offenen Flanke und Auslösung von Wasserreisern, da das Kronenwachstum der "eingedellten" Seite die schlagartige Lichtgabe nicht schnell genug kompensieren kann. Allerdings sollte möglichst frühzeitig ein gleichmäßiger Kronenaufbau angestrebt werden, um Exzentrizität, Zugholzbildung und Grünstreifigkeit des Holzes zu reduzieren. Dementsprechend wird nach einer "Reaktions- und Stabilisierungsphase" von zwei Jahren die ursprünglich stärker bedrängte Kronenseite freigestellt. Bäume mit sehr einseitigen Kronen sollten nur im Ausnahmefall zu Elitebäumen werden. Ab dem Alter 20 müssen sich die Kronen frei entfalten können. Wiederkehrende Freistellungen in einem Turnus von drei bis fünf Jahren sind notwendig. Verkernte Äste dürfen jetzt nicht mehr absterben. Abgestorbene Äste mit einem Durchmesser von mehr als etwa drei Zentimetern sind Eintrittspforten für Holzpilze, die Stammfäulen verursachen.

Astung: Die Astung ist bei der Kirsche obligatorisch. Für die im Forst übliche Trockenastung müssen die Äste am Erdstamm bis zum Alter von 15 bis 20 Jahren absterben. Um Pilzinfektionen bzw. Holzverfärbungen und –fäulen zu vermeiden, müssen die Astnarben möglichst rasch – in zwei bis drei Jahren – überwallt werden. Neben einem möglichst geringen Astdurchmesser ist hier eine Jahrringbreite von mindestens vier Millimetern in den Folgejahren ein entscheidender Faktor. Astung ist also nur bei vitalen Elitebäumen bis zum Alter von 20 bis maximal 25 Jahren sinnvoll. Die Grünastung wird in plantagenartigen, agroforstlichen Bewirtschaftungsformen angewandt und beginnt bereits im Alter von vier Jahren. Dabei werden unverkernte Äste mit weniger als drei Zentimetern Durchmesser im Juni glatt am Stamm abgeschnitten. Keinesfalls darf der Astkragen verletzt werden. Eine bereits vor der Dickungsphase beginnende Grünastung im ein- bis zweijährigen Rhythmus scheidet aus ökonomischen Gründen im Forst aus.

Reife- und Verjüngungsphase: Kirschen erreichen auf guten StO ihren Zieldurchmesser von 50 bis 60 Zentimetern in 60 bis 80 Jahren. Bereits ab dem Alter 60 kann daher eine zielstärken- und qualitätsorientierte, einzelstammweise Nutzung beginnen. Relativ früh einsetzende Kernfäulen können bereits ab dem Alter 80 Biotopbäume entstehen lassen, die Spechte gerne zur Anlage von Bruthöhlen nutzen.

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